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Kindersachbuch „Ich so du so“ : Den Durchschnitt braucht nun wirklich niemand

In Gedanken bei sich: Jörg Mühle findet ein einleuchtendes Bild für selbstverständliche Unterschiede. Bild: Beltz & Gelberg

Was ist schon normal? Und was ist so schlimm daran, wenn etwas nicht normal ist? Ein neues Sachbuch der Labor Ateliergemeinschaft feiert das Miteinander des Verschiedenen – auch stilistisch.

          Tauschen möchte Sive mit niemandem. Wieso auch? Seinen letzten Geburtstag hat der zwölf Jahre alte Junge aus einem Township in Südafrika mit sechzig anderen gefeiert, er lebt mit neunzehn Kindern und zehn Erwachsenen in einem Kinderhaus, beim Autoreifenrennen am Wochenende ist er Zweiter geworden, sein alter, selbst reparierter Autoreifen ist sein wertvollster Besitz, und besonders glücklich ist er, wenn er mit seinem Wahlpapa Perry einen Ausflug machen kann. „Mein Leben ist schön“, sagt Sive, dabei ist es für alle hiesigen Leserinnen und Leser im gleichen Alter bestimmt vor allem eines: ganz schön anders.

          Genau darum geht es in „Ich so du so“, dem neuen Buch der Labor Ateliergemeinschaft, der einige der interessanteren Bilderbuchillustratoren und -autoren unserer Zeit angehören: ums Anderssein. Darum, dass Lebensumstände, aber auch Aussehen und Eigenheiten, Fähigkeiten und Vorlieben ganz schön unterschiedlich sein können. Und je nach Situation auch die Resonanz anderer auf die jeweilige Besonderheit: „In der Sowjetunion war ich die Deutsche, in Deutschland die Russin“, erinnert sich Kristine, heute 39 Jahre alt, Verlegerin und Literaturagentin, an ihre Kindheitserlebnisse mit dem Normal- oder Nicht-normal-Sein.

          Die mehr als vierzig Selbstauskünfte von Kindern wie Sive und die 24 Erinnerungen von Erwachsenen wie Kristine bilden die Schwerpunkte des Buchs. Darum herum haben die Laboranten eine Menge an Bildern, Karikaturen, Comics und Kurzgeschichten gruppiert, an Hintersinnigem und Lustigem, die in ihrer Fülle und ihrem Abwechslungsreichtum in Ansatz, Medium und Stil eher an eine Illustrierte erinnern als an ein Sachbuch.

          Manche Dinge kann man sich nicht aussuchen, nicht mal beim Anblick einer Sternschnuppe oder eines Kometen: Illustration von Philip Waechter aus dem Buch „Ich so du so“.

          Alexandra Maxeiner und Anke Kuhl, beide als Labor-Mitglieder auch an diesem Buch beteiligt, haben mit „Alles Familie!“ und „Alles lecker!“ beim Klett-Kinderbuch-Verlag gezeigt, wie sich Diversitätsthemen unterhaltsam und informativ im stringenten Sachbilderbuch vermitteln lassen.

          Bei „Ich so du so“ hingegen zeigt geht es bunt durcheinander: Eine Foto-Doppelseite zeigt einen riesigen Schubladenschrank mit Beschriftungen wie „echter Junge“, „nervig“ oder „brav“, aus einer kommt der Protestruf „Ich will hier raus“. In einer Zeichnung machen sich vier Hühner über ein Schwein lustig: „Seht mal: Ulf ist ganz rosa! Ulf ist ein Mädchen!“, und gegenüber können die Leser bei 25 Farbfeldern selbst überlegen, was eine Jungen- und was eine Mädchenfarbe wäre, wenn es so etwas überhaupt gibt.

          Labor Ateliergemeinschaft: „Ich so du so. Alles super normal“. Verlag Beltz & Gelberg, Weinheim 2017. 176 S., br., 16,95 Euro. Ab 9 J.

          Einmal geht es um Lieder, die Kraft geben oder trösten können, und einmal sehen wir zwei ins Malen vertiefte Mädchen, die eine bittet um den Buntstift mit der Hautfarbe, und die andere reicht einen Stift, mit dem die Freundin nicht gerechnet hat.

          Haben die Künstler einfach auf die Seiten verteilt, was ihnen so eingefallen ist? Hätten sie das Thema nicht besser sortieren oder strukturieren können? Was auf den ersten Blick ein bisschen nach Kraut und Rüben aussieht und vielleicht eher das beiläufige Blättern als das vertiefte Lesen nahelegt, hat Methode. Schließlich sind wenige Themen moralisch derart belegt und umkämpft, schließlich ist die Gefahr abstoßend aufdringlicher Überzeugungsarbeit bei kaum einem Gegenstand größer.

          Bei dieser angespannten Lage haben sich die Laboranten für Entspannung entschieden – und ein Buch gemacht, das seine jungen Leserinnen und Leser vielleicht eher noch einmal aufschlagen, um sich ein besonders lustiges Bild anzuschauen oder um ihren Freunden eine besonders seltsame Geschichte zu zeigen, statt es von vorne bis hinten durchzulesen. Beim ersten Blättern mögen sie an den lustigen Fotos hängenbleiben, die drei Kinderkörper unten aus einem großen Pullover herausragen lassen, aus dem oben nur ein einziger Kopf guckt, oder zwei Kinder in je ein Hosenbein einer XXL-Hose stecken.

          Ein Selbstbild so bearbeiten, dass es ganz natürlich aussieht: Illustration von Zuni und Kirsten von Zubinski

          Sive und all die anderen Kinder aus der ganzen Welt, die vergleichsweise unscheinbar auf Fragen nach ihrem Wochenendprogramm, ihrem wertvollsten Besitz, ihrem Glück und ihrem Tauschwunsch mit einem anderen Menschen antworten, werden vielleicht beim ersten Mal überblättert und haben dann noch ihren großen Auftritt, wenn das Buch den Lesern ein späteres Mal wieder in die Hand fällt. Dabei gelingt mit ihnen etwas Überraschendes: Sie lassen die Leser staunen, nicht durch die Kraft der einzelnen, sondern durch den Zusammenklang der Einblicke, die das Buch in die so verschiedenen Arten gewährt, heute aufzuwachsen.

          Normalität ist eine Frage der Umstände, das ist eine der großen Botschaften des Buchs, und der Wunsch nach Normalität oder Abweichung ist es genauso. Wohl jeder ist schon einmal wegen einer Abweichung verspottet oder ausgegrenzt worden, diese Erfahrung ist so unerfreulich wie alltäglich. Dabei ist umgekehrt die Abwertung wegen einer Abweichung, auch diesem Aspekt widmet sich das Buch sorgfältig, in den meisten Fällen lächerlich.

          Wo kämen wir hin, wenn wir auf Gleichheit setzten, statt in der Unterschiedlichkeit auch eine Bereicherung zu sehen? Zusammen – mit dieser erhellend sinnlosen Durchschnittsrechnung endet das Buch – sind die zehn Künstler der Labor Ateliergemeinschaft 45,6 Jahre alt, 178 m groß und weiblich, sie wiegen 68,3 kg und haben Schuhgröße 40,7. Am Anfang des Buchs schreiben sie: „Je offener wir aufeinander zugehen, um so besser gelingt es uns, zusammen glücklich zu sein.“ Damit haben sie bestimmt recht.

          Gemeinsames Ausgrenzen verbindet: Illustration von Natascha Vlahović.

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