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: Das ist Sache der Hände

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Dass der Kritiker und Essayist Harald Hartung, dessen Essaybuch "Masken und Stimmen" und dessen Sammlung "Luftfracht" exzellente Kompendien der modernen Weltpoesie präsentierten, selbst eines der eigenständigsten lyrischen OEuvres der deutschen Gegenwartsdichtung vorgelegt hat, das ist vielen Lesern ...

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          Dass der Kritiker und Essayist Harald Hartung, dessen Essaybuch "Masken und Stimmen" und dessen Sammlung "Luftfracht" exzellente Kompendien der modernen Weltpoesie präsentierten, selbst eines der eigenständigsten lyrischen OEuvres der deutschen Gegenwartsdichtung vorgelegt hat, das ist vielen Lesern erst verspätet bewusst geworden, mit dem Erscheinen der gesammelten Gedichte vor zwei Jahren. Nun aber, da dieser Band ihm endlich den verdienten Ruhm als Lyriker eingebracht hat, lesen sich auch seine poetologischen Essays zur deutschsprachigen Lyrik anders und neu. Was früher als elegant vermittelte Gelehrsamkeit wahrgenommen wurde, zeigt nun seinen doppelten Boden. Indem der Kenner Hartung über Poesie und Poetik schreibt, in leichthändig geschriebenen Studien von unaufdringlicher Belesenheit, gibt der Dichter Einblick in seine eigene lyrische Werkstatt.

          Eine Werkstatt im Wortsinne ist es, was Hartung an die Stelle ekstatischer Entrückungen oder gefühliger Innerlichkeit setzt. Meisterschaft ist für diesen Meister das Ergebnis eines Handwerks - in jenem Sinne des Wortes, den sein programmatischer Essay im "Merkur" 1999 proklamierte und der mittlerweile fast schon redensartlich geworden ist. Dabei stammt die Beschreibung der Lyrik als einer "Sache der Hände" aus einem Brief Paul Celans an Hans Bender: "Und diese Hände wiederum gehören nur einem Menschen. Nur wahre Hände schreiben wahre Gedichte." Hartungs Essay über Hände und Handwerk steht am Anfang der fünfzehn Essays zur deutschen Lyrik von Goethe bis Gernhardt, die sein neuer Band versammelt. "Was waren das für Zeiten, in denen das Handwerk noch geholfen hat?", fragt er scheinheilig und verweist zur Antwort auf jene Widmung, die T. S. Eliot dem "Waste Land" vorangestellt hat: "For Ezra Pound, il miglior fabbro".

          Hartungs Werkstattberichte und -besichtigungen rücken Gedichte von Goethe bis zu Celan dergestalt in neue Perspektiven, dass dem Kenner überraschende Einsichten eröffnet und zugleich doch neugierigen Neulingen vergnügliche Einführungen geboten werden. Gerade weil er mit Vorliebe mit Beobachtungen zu handwerklichen Fragen beginnt, bleiben seine Analysen auch dort sinnlich konkret und sensibel, wo es in die Höhenlagen ästhetischer Theorie hinaufgeht. So findet er in Goethes "Venezianischen Epigrammen", die oft gegen die vermeintlich erlebnistrunkenen "Römischen Elegien" ausgespielt worden sind, eine Poetik des schöpferisch bewältigten Ennui, die den Rang dieser Texte neu bestimmt: eine so energische wie erfolgreiche "Inthronisation der Langeweile als Musenmutter".

          So führt ein Essay unter dem bescheidenen Titel "Über einige Motive der Droste" gerade deshalb an jenen Punkt, an dem sich in den Dichtungen "halluzinatorisch die Tiefe der Zeit öffnet", weil er mit der scheinbar bloß technischen Neugier auf wiederkehrende Nebenmotive einsetzt. So spürt er dem diskreten Umgang mit Odenmaßen in der Poesie des zwanzigsten Jahrhunderts nach, bei Georg Britting und Ludwig Greve, und beantwortet wie nebenbei die Frage, wie die produktive Auseinandersetzung mit derartigen Formtraditionen möglich sein könnte, ohne in blasse Epigonalität zu verfallen.

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