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„Das innere Korsett“ der Frau : Wie brav sie mit Kastanien bastelt

Für viele Kinder sieht ihre Umgebung bereits eine von Geschlechterklischees geprägte Rolle vor. Da kann man schon mal wütend werden, wie auf unserer Fotoillustration. Bild: Picture-Alliance

Wie werden bloß aus wilden kleinen Mädchen nachgiebige junge Frauen ohne Biss? Gabriele Häfner und Bärbel Kerber zeigen in ihrem Buch eindrucksvoll, warum Frauen sich so oft abhängen lassen – mit Fakten statt Halbstarken-Polemik.

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          Es gibt zwei Arten, auf die Versäumnisse bei der Gleichberechtigung der Geschlechter zu blicken. Der erste Blick ist der auf das System: Werden Frauen strukturell benachteiligt? Hierzu gehören etwa die gläserne Decke und die unterentwickelte Kinderbetreuung, die noch immer viele Frauen von einer Vollzeitbeschäftigung abhält. Der zweite Blick ist der aufs Individuum, und er wurde bisher vor allem von jenen bevorzugt, die Frauen gerne die Schuld an ihrer Misere zuschieben: Wie kann denn die promovierte Ingenieurin allen Ernstes erwarten, nach zwei Jahren Elternzeit ihren alten Posten wieder zu erhalten?

          Diese beiden Blickwinkel sind der Grund dafür, warum man über Feminismus so trefflich aneinander vorbei argumentieren kann. Dabei vernachlässigen aber beide Seiten, dass auch das Individuum vom System geformt wird. Die entscheidende Frage ist: Wie kommt es, dass jene Ingenieurin wie nicht wenige andere Frauen gern und freiwillig jahrelang hauptberuflich mit ihren Kindern bastelt? Die meisten Väter, denen man das als Vollzeitjob vorschlüge, müssten sofort mehrere rohe Steaks ungekaut hinunterschlingen, um sich selbst ihrer Männlichkeit zu versichern.

          Die Freude an der Bastelei liegt nicht im Chromosomensatz begründet

          Die Journalistinnen Gabriela Häfner und Bärbel Kerber gehen dieser Frage in ihrem Buch auf den Grund. Dieses angenehm unideologische Buch strotzt von aufschlussreichen wissenschaftlichen Studien und hat damit zahlreichen Diskussionsbeiträgen der vergangenen Jahre etwas Entscheidendes voraus: Statt mit Halbstarken-Polemik eine Debatte loszutreten, benennen die beiden Autorinnen Fakten. Kerber ist promovierte Wirtschaftswissenschaftlerin, Häfner hat Kultur- und Politikwissenschaft studiert. Ihr sicherer Umgang mit Studien und Zahlen steht dem Thema gut an – das Buch ist so fundiert und faktenreich, wie man es sich nur wünschen kann.

          Zunächst stellen die Autorinnen eines klar: Die Freude an der Bastelei, die unsere Ingenieurin an den Tag legt, liegt nicht in ihrem Chromosomensatz begründet. Dass fünfzehnjährige Mädchen in reichen Ländern wenig Interesse an Technik und Computern zeigen, spiegelt sich etwa in Uganda und Ghana überhaupt nicht wider: Dort sind alle Teenager gleichermaßen von Technik begeistert. Ein ähnlich klares Ergebnis lieferte eine Studie, in der Kinder Mathematikaufgaben lösen mussten. Sagte man ihnen zuvor, Mädchen schnitten dabei schlechter ab als Jungen, geschah genau dies. Sagte man ihnen aber, Mädchen lösten die Aufgaben besser als Jungen, gelang ihnen das tatsächlich auch.

          Mädchen haben also dieselben Fähigkeiten und Interessen wie Jungen, sie nutzen sie nur nicht ausreichend. Irgendwann zwischen dem Alter von etwa neun Jahren und der Pubertät, so zeigten Forschungen, werden aus den wilden starken Mädchen stille junge Frauen. Was geschieht in dieser Zeit mit ihnen? Zum einen werden ihnen in der Werbung, in Unterrichtsmaterialien und Medien aller Art noch immer Geschlechterstereotype vermittelt: Männer werden Ärzte, Frauen werden Krankenschwestern.

          Auch Jungen sind Leidtragende dieser Geschlechterstereotype

          Weil Mädchen sich an Frauen orientieren, übernehmen sie das als Erwartungshorizont. Prompt schätzen die Mädchen ihre Rolle in der Gesellschaft als unwichtiger ein: Eine Analyse von Aufsätzen, in denen Kinder sich selbst beschreiben sollten, ergab, dass die Mädchen sich als schwächer und weniger intelligent wahrnehmen als die Jungen und jene um ihr Leben beneiden. Die Jungen hingegen waren zufrieden mit ihrer Rolle. Sie fühlen sich den Mädchen überlegen.

          Eingeschnürt: Das Korsett formt nicht nur die Silhouette.

          Dabei sollte eines nicht vernachlässigt werden, was im ansonsten facettenreichen Werk von Häfner und Kerber zu kurz kommt: Auch Jungen sind Leidtragende dieser Geschlechterstereotype. Diejenigen von ihnen, die lieber singen oder malen, als Fußball zu spielen, werden von vielen Erzieherinnen misstrauisch beäugt – und von ihren Altersgenossen, die schon genau wissen, wie sich die Erwachsenen einen richtigen Jungen vorstellen, gehänselt. Alle Kinder, die nicht perfekt in die ihnen zugedachte Rolle passen, werden Opfer einer Erziehung, die althergebrachten Klischees folgt.

          Neben den vorgelebten Geschlechterrollen gibt es eine schlichte Wahrheit, die die Autorinnen ebenfalls nicht thematisieren: Zu Beginn der Pubertät sind Mädchen tatsächlich körperlich schwächer als Jungen, und sie wissen, dass diese Schere noch weiter auseinandergehen wird. Gegen die Nachbarsjungen, mit denen sie sich früher kloppten, haben sie keine Chance mehr. Das ist tatsächlich schiere Genetik. Aber natürlich überlegen Mädchen sich danach doppelt, ob sie sich weiterhin mit Jungen anlegen.

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