https://www.faz.net/-gr3-15buz

: Das Hedonimeter weist den Weg

  • Aktualisiert am

Sie kennen den Dr. Hirschhausen noch nicht? Dann gehören Sie zu einer schwindenden Minderheit. Sie haben also, wofür es gute Gründe gibt, die Sendung "Schmidt & Pocher" nie gesehen, wo der Doktor regelmäßig zu Gast ist. Sie schauen offensichtlich generell nicht oft fern und lesen womöglich auch ...

          4 Min.

          Sie kennen den Dr. Hirschhausen noch nicht? Dann gehören Sie zu einer schwindenden Minderheit. Sie haben also, wofür es gute Gründe gibt, die Sendung "Schmidt & Pocher" nie gesehen, wo der Doktor regelmäßig zu Gast ist. Sie schauen offensichtlich generell nicht oft fern und lesen womöglich auch keine Zeitungen oder Zeitschriften, weil Ihnen sonst der Mann, der sich als "lustigster Arzt Deutschlands" feiern lässt, längst begegnet wäre. Sie gehören auch nicht zu den anderthalb Millionen Käufern des bestverkauften Sachbuch-Taschenbuchs 2008, Verfasser: Dr. med. Eckart von Hirschhausen, Titel: "Die Leber wächst mit ihren Aufgaben". Mit seinen Auflagen wächst wiederum die Wahrscheinlichkeit, dass Sie den Doktor demnächst doch kennenlernen. Soeben hat er ein neues Buch veröffentlicht, das sofort an die Spitze der Sachbuchliste gestiegen ist. Jeder muss jederzeit damit rechnen, dass es ihm jemand schenkt.

          Getrost dürfen wir von einem Bestseller auf Bestellung sprechen. Von Hirschhausen vereint mehrere Attribute, mit denen man in unserem Lande Eindruck machen kann: Er ist promoviert. Er ist Arzt. Er ist adlig. Er ist Humorist, und jene können seit einiger Zeit schreiben, worüber sie wollen, ob über Religion (Dieter Nuhr) oder über die eigene Katze (Ralf Schmitz): Die Leute nehmen's ihnen ab, in Massen. Solche Bücher landen verlässlich in den Bestsellerlisten, obwohl oder gerade weil sie kaum rezensiert werden. Lieber führen die Redaktionen mit dem Autor ein launiges Gespräch oder lassen ihn gleich selbst schreiben. In dem, was wir für seriöse Presse halten, haben wir eine Rezension des Hirschhausen-Buchs bis Redaktionsschluss nicht entdecken können, dafür diverse Interviews und Buchauszüge. Die "Bild"-Zeitung widmete dem Werk gleich eine Serie, womit die Sache endgültig gelaufen war. Das Lob, das der Doktor im Anhang seiner Managerin spendet, der "unermüdlichen Strategin hinter meinem Erfolg", ist vollauf verdient: Die Frau hat ganze Arbeit geleistet.

          Schon das Exposé zum Buch muss ein Verlegertraum gewesen sein. "Glück kommt selten allein . . .", so der Titel, verspricht Lebenshilfe, Populärwissenschaft, Psychologie und Zivilisationskritik, dargereicht in sanften Dosen und verpackt in weiche Comedy-Polster. Das riecht nach neuem Rekord an Amazon-Verweisen - wenn die Leser von Dietrich Grönemeyer, Dale Carnegie, Bastian Sick, Harald Schmidt und Hape Kerkeling alle zu den Heilmitteln des Herrn Doktor greifen.

          "Dieses Buch kann Sie glücklich machen", schreibt der Doktor in seinem "Vorwort für Optimisten und Neugierige" und beruhigt den Gelegenheitsleser: "Es ist ja keine Literatur. Auf mühselige Erklärungen wird verzichtet, denn was hilft einem die Philosophiegeschichte, wenn ich wissen möchte, wie ich im Alltag meinen Jammerlappen auswringen kann?" Unangestrengte Unterhaltungslektüre mit maximalem Profit: Das ist Maßarbeit nicht nur für jene Manager, die sich vom Referenten Eckart von Hirschhausen schon im "Führen mit Humor" unterrichten lassen ("Entwickeln Sie Ihr komisches Eigenkapital"). Und noch ein zweites Vorwort hat der Doktor verfasst, nämlich eines "für Pessimisten und Kritiker". Sie fordert er auf, ihr negatives Urteil ruhig zu verbreiten: "Sonst erwischt es noch jemanden, der nicht ausreichend kritisch an die Sache herangeht. Und der würde womöglich Spaß daran haben." Wenn uns das Buch nicht zusagt, dann liegt das also nicht am Buch, sondern an uns Miesepetern, die anderen keinen Spaß gönnen.

          Man dürfe ihn den "Hape Kerkeling der Wanderniere" nennen, befindet von Hirschhausen und offenbart so, in wessen Liga er sich wähnt. Der böse Blick des Pessimisten käme womöglich zu einem anderen Ergebnis, nämlich dass der lustige Medicus über ein eher beschränktes komödiantisches Repertoire verfügt: ein Mario Barth mit Fremdwörtern. Durch das neue Buch kann man sich davon überzeugen, dass mäßiges Kabarett nicht gewinnt, wenn man es niederschreibt. Das liest sich nämlich so: "Die Digitalfotografie hat viel Positives, gerade weil sie ohne Negative auskommt." - "Die Schattenseite der Schokoladenseite ist die Sucht." - "Beim Tanzen kann man seine Sorgen vergessen, sogar die um Alzheimer." - "Für den Opernliebhaber ist Placido Domingo besser als Placebo." Diese Erscheinungsform des Humors scheint ansteckend zu sein. Erste Symptome zeigt der Hirnforscher Manfred Spitzer, der sich auf dem Buchrücken mit dem Satz zitieren lässt: "Hirschhausen ist spitze, ich bin Spitzer!"

          Welche geheimen Glücksrezepte verrät uns nun der Doktor? Musik tut ebenso gut wie frische Luft und Freunde. Wir sollen singen, tanzen und Sport treiben. Uns Zeit nehmen für uns und für andere. Schokolade essen und Wein trinken, aber nicht zu viel. Außerdem empfiehlt er uns, "die Glotze" abzuschaffen; das immerhin ist, aus dem Munde eines Fernseharztes, originell. Die meisten anderen Ratschläge sind es weniger. Fachkenntnis kann man von Hirschhausen nicht absprechen, der viele wissenschaftliche Werke gelesen hat, leider aber auch alte Witzbücher. Nicht einmal den abgenützten Yeti-Gag ("Wie, den Messner gibt's wirklich?") erspart er uns. Und direkt auf eine bedenkenswerte Analyse der Floskel, dass man seinem Ärger stets Luft machen sollte, folgt ein Abschnitt darüber, warum Männer gern in der Nase bohren.

          Das alles würde längst keine knapp vierhundert Seiten füllen, streckte der Doktor den Text nicht mit etlichen Ulkfotos, Gimmicks und Bastelbögen - vom Mundwinkelmesser "Hedonimeter" bis zur "dunklen Seite", die man einfach rausreißen solle. Beigelegt ist außerdem ein Aufkleberset mit Buchzitaten, mit dessen Hilfe die Leser - wieder so ein raffinierter Schachzug - des lustigen Doktors Wort in die Welt tragen können. Und dann gibt es noch, zum Verschicken an gute Freunde, eine Postkarte mit der Botschaft: "Ich wollte nur, dass Du weißt, dass ich Dich mag." Die Briefmarke ziert ein treuherzig blickender Dr. von Hirschhausen. Spätestens dieses Arsenal von Niedlichkeiten offenbart, mit wem der omnipräsente Glücksbringer tatsächlich in einer Liga spielt: mit der Diddl-Maus.

          JÖRG THOMANN

          Eckart von Hirschhausen: "Glück kommt selten allein . . ." Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg 2009. 384 S., Abb., geb., 18,90 [Euro].

          Weitere Themen

          Klug, doch ohne Besserwisserei

          100 Jahre Mozartfest : Klug, doch ohne Besserwisserei

          Was zog jede Zeit neu an Mozarts Musik an? Wie soll man sie interpretieren? Ein exzellenter Band mit Gesprächen und Essays zum Mozartfest Würzburg ist fast zu einem Handbuch geworden.

          Topmeldungen

          Die Zahl der Internet-Attacken nimmt zu.

          Cyber-Kriminalität : Im Netz der kaltblütigen Erpresser

          Hacker dringen mit ihren Angriffen in immer sensiblere Bereiche vor. Sie nehmen Daten als Geisel und Tote in Kauf. Treffen kann es jeden.
          Ministerpräsident Netanjahu am Donnerstag mit israelischen Grenzpolizisten in Lod

          Profiteur der Gaza-Eskalation : Netanjahus politische Rückkehr

          Netanjahu war wegen des Korruptionsprozesses und mehrfach gescheiterter Koalitionsbildungen politisch in Bedrängnis. Dass der Gaza-Konflikt jetzt wieder eskaliert ist, kommt dem israelischen Ministerpräsidenten zugute.

          Aufflammender Antisemitismus : Wer jetzt schweigt

          Gerade bezeugen wir wieder, dass viele „Israel-Kritiker“ den Nahostkonflikt nicht verstehen. Sie wollen nicht sehen, was die Hamas anrichtet. Und auf der Straße zeigt der Antisemitismus sein Gesicht.
          Impflinge haben nach ihrer Impfung gegen Corona ein Pflaster auf dem Oberarm.

          Inzidenz und Impfrekord : Ist das der Anfang vom Ende der Pandemie?

          Die Inzidenz sinkt bundesweit unter 100, die Zahl der Impfungen erreicht einen Rekordwert. Das stimmt selbst den Gesundheitsminister optimistisch. Doch Fachleute blicken schon auf eine weitere Variante des Virus.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.