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: Das Gespenst von Casablanca

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Den einen galt sie als einer der fünf "Schlüssel" des Empire, den anderen war sie zunächst kaum der Rede wert: die Meerenge von Gibraltar. Während die Briten an Gibraltar bis in die Gegenwart festhalten, meinte Bismarck noch in den 1880er Jahren, den Franzosen ein Vordringen nach Marokko und damit an die südliche Seite der Meerenge gönnerhaft erlauben zu können.

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          Den einen galt sie als einer der fünf "Schlüssel" des Empire, den anderen war sie zunächst kaum der Rede wert: die Meerenge von Gibraltar. Während die Briten an Gibraltar bis in die Gegenwart festhalten, meinte Bismarck noch in den 1880er Jahren, den Franzosen ein Vordringen nach Marokko und damit an die südliche Seite der Meerenge gönnerhaft erlauben zu können. Der Kolonialismus in Afrika solle als Ersatz für den Verlust von Elsaß-Lothringen herhalten, so wie Liebeskummer am besten mit Reisen in die Ferne geheilt werde. Zwanzig Jahre später sah das ganz anders aus. Die "Entente cordiale" zwischen London und Paris 1904, der russisch-japanische Krieg 1905 und die erste Marokko-Krise gaben klare Signale dafür, wie eng verzahnt Konfrontationen in Europa mit imperialen Spannungen in Übersee waren.

          Nicht die diplomatischen, wirtschaftlichen oder militärischen Aspekte der in der Forschung umfassend behandelten Marokko-Krise von 1905 stehen im Mittelpunkt der Mainzer Dissertation von Martin Mayer, sondern die bisher erstaunlicherweise vernachlässigten Parlamente der drei Protagonisten. Daher erübrigt es sich auch für den Autor, so eingehend die Presse zu berücksichtigen, wie das bisher andere Arbeiten mit Blick auf die öffentliche Meinung getan haben. Als Walter Bagehot Mitte des neunzehnten Jahrhunderts über das Wesen der englischen Verfassung reflektierte, glaubte er die Stimme des Volkes noch allein im Parlament vertreten. Im Unterschied zur Presse würde hier keinem nach dem Munde geredet oder lediglich bekannte Argumente wiederholt. Doch allzu schnell erreichte der Hurra-Patriotismus dann freilich auch die Volksvertretungen, als im Zeitalter des Hochimperialismus das Gebot nationaler Einigkeit die Ideen des freien Meinungsaustausches und der parlamentarischen Streitkultur verdrängte. John Hobson, seinerzeit bekanntester Kritiker der kolonialen Expansion, entdeckte darin eine "Militarisierung" des politischen Lebens.

          Wie zum Beispiel debattierten die Chambre des Députés, der Reichstag und das House of Commons die Reise von Kaiser Wilhelm II. nach Tanger, wo er den Sultan im März 1905 besuchte? Zunächst standen Wirtschaftsinteressen wie etwa die der Firma Mannesmann auf dem Spiel. Bei allem aber wollte die Reichsregierung unter Bülow ostentativ versuchen, Frankreich international zu isolieren und das Bündnis mit England zu lösen. Einen weiteren Höhepunkt der Marokko-Krise bildete die Konferenz von Algeciras, die Anfang 1906 wesentlich dazu beitrug, daß das Land ungeteilt blieb und eine allgemeine Handelsfreiheit garantiert wurde. Was zunächst als Erfolg für das Reich dargestellt wurde, entpuppte sich alsbald als gravierende diplomatische Niederlage, wie sie sich in der Einkreisung der Mittelmächte später offenbarte. Die sogenannte Einkreisung Deutschlands wurde zur fixen Idee, zum "Gespenst". Nach Bülows Reichstagsrede im November 1906 schrieb man dafür insbesondere England die Hauptschuld zu.

          Eine Identifikation von Reichstag und Reichsregierung fand trotz aller patriotischen Bekundungen nicht mehr statt. Der von Thomas Nipperdey so bezeichnete "plebiszitäre Imperialismus", den sich der Reichskanzler zu eigen machte, um innenpolitischen Handlungsspielraum zu gewinnen, war höchst riskant, wenn die außenpolitischen Erfolge ausblieben. Nach der Marokko-Krise waren der Reichstag so zerstritten und die Fronten so verhärtet wie nie zuvor. Einen derartigen Verlust des Vertrauens in die integrierende Kraft des Parlaments hatte es in Paris zuletzt mit der Dreyfus-Affäre gegeben. Die Marokko-Krise sollte die Dissonanzen jedoch vergessen machen und zu nationaler Einigkeit rufen. In der Folge des spektakulären Rücktritts im Frühjahr 1905 von Außenminister Delcassé, einem der großen Vertreter des europäischen Imperialismus; zweitens der neuen Ausrichtung der französischen Kolonialpolitik vom Prestigedenken zu handfesten wirtschaftlichen Interessen; und schließlich der Befürchtung, im deutsch-britischen Antagonismus zerrieben zu werden, rief das Parlament dazu auf, was heute "uneingeschränkte Solidarität" genannt werden würde. Oder vielmehr: Einigkeit bestand darin, in Krisensituationen nicht die Klingen mit der Regierung zu kreuzen.

          Die einzigen, die auf ihre rhetorische Wirkkraft nicht verzichten wollten, waren die Sozialisten, im französischen wie auch im britischen Fall. Die Debatten zur Zeit des Burenkrieges hatten oft beeindruckend vor Augen geführt, wie die Homogenität Westminsters auf dem Spiel stand, wenn die Regierung in das Kreuzfeuer der sozialistischen Kritik geriet. Daraus hatte das britische politische System insofern gelernt, als es die Außenpolitik fortan weniger transparent gestaltete und durch eine reformierte Geschäftsordnung die Legislative gegenüber der Exekutive einschränkte.

          Frankreich, Deutschland und Großbritannien steuerten einen Kurs, der diplomatisches Schweigen zu gefährlicher Geheimniskrämerei werden ließ, insbesondere wenn, wie in der Marokko-Krise, nicht kolonialpolitische, sondern bündnispolitische Fragen zur Debatte standen. So zeigt Mayers perspektivenreiche, auf exzellenter Quellenkenntnis fußende Studie, daß viele Abgeordnete in einer Zeit wachsender Spannungen verinnerlichten, was der alte Bismarck schon fünfunddreißig Jahre früher dem Parlament empfohlen hatte: "Mein Patriotismus wird mich schweigen machen, wenn ich fühle, daß Sprechen zur Unzeit ist."

          BENEDIKT STUCHTEY

          Martin Mayer: "Geheime Diplomatie und öffentliche Meinung". Die Parlamente in Frankreich, Deutschland und Großbritannien und die erste Marokko-Krise 1904-1906. Droste Verlag, Düsseldorf 2002. 383 S., geb., 44,80 [Euro].

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