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: Das Gesicht der Autobahnraststätte

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In einer Zeit, da die Soziologie anfängt, sich wieder auf die Kategorie des Raumes zu besinnen, auf die lebensgestaltende Kraft der vier Wände, auf die flüchtigen räumlichen Bezüge einer beschleunigten Gesellschaft - just zu dieser Zeit publizieren Ralph Johannes und Gerhard Wölki die seit längerem erwartete Kulturgeschichte der Autobahn und ihrer Rastanlagen.

          In einer Zeit, da die Soziologie anfängt, sich wieder auf die Kategorie des Raumes zu besinnen, auf die lebensgestaltende Kraft der vier Wände, auf die flüchtigen räumlichen Bezüge einer beschleunigten Gesellschaft - just zu dieser Zeit publizieren Ralph Johannes und Gerhard Wölki die seit längerem erwartete Kulturgeschichte der Autobahn und ihrer Rastanlagen. Anhand der Autobahnraststätte läßt sich der Unterschied zwischen Orten (vormodern) und Räumen (postmodern) gut beschreiben. Die Raststätte, extraterritorial am Rande der Piste gelegen, ist der Inbegriff von Ortlosigkeit. Zugleich ist sie einer jener neuen Räume, die sich aufbauen, derweil die Orte, also die lokalen Gemeinschaften überschaubarer face-to-face-Kontakte, verschwinden. Wer mit Verstand in der Raststätte einkehrt, wird die Ablösung des Sozialen von örtlichen Gegebenheiten, den kollektiven Gang in die placeless society, jedenfalls nicht länger als Verfallsgeschichte erzählen.

          Die Geschichte der Firma "Tank & Rast", die Deutschlands Autobahnraststätten kontrolliert, wird von den beiden Autoren denn auch als Erfolgsgeschichte der atopischen Raumtheorie erzählt. Die Atopie, die das Nirgendwo zum Irgendwo steigert, hat demnach ihren natürlichen Ort in der Raststätte - ob in Aachener Land Süd, Baden-Baden West, Illertal Ost oder Wattenheim Nord. Umfassende Versorgtheit in Aktionsräumen, welche sich alle paar Kilometer vollständig auswechseln lassen: das ist die zugleich Anonymität und Autarkie garantierende Service-Philosophie der "Dr. Erich Kaub Consulting", jener Firma, die für das Gesicht unserer Raststätten verantwortlich zeichnet und die auch das regenbogenfarbene Logo der Versorgungsstationen erfunden hat.

          Dr. Kaub möchte den in Restaurants und Shops rastenden Rasern neben Mahlzeiten und Mitbringseln jenen Raum für übergreifende Gedanken bieten, der in der Ortsgebundenheit unserer Städte normalerweise verschüttet ist. Versteht man Dr. Kaub recht, so hat man auf der Autobahn den Kopf frei, um im Sinne Helmuth Plessners eine exzentrische Positionalität einzunehmen. So gesehen ist es ein Jammer, daß der Typus Brückenrasthaus, wie er beispielsweise in Frankenwald und Dammer Berge Gestalt annahm, bereits 1970 vom Verkehrsminister für unrentabel und nicht nachahmenswert erklärt wurde. Schafft nicht gerade das Brückenrasthaus jene Übersicht aus erhöhter Warte, die aus Raststättenbesuchern Philosophen macht? Nicht umsonst zeigt sich ein Philosoph wie Peter Bieri fasziniert von der Idee, philosophische Klassiker in der Raststätte zu lesen.

          Vielleicht ist es ja richtig, was in dieser Kulturgeschichte anklingt: daß man Nietzsches bahnbrechenden Gedanken von 1881 vernünftigerweise unter den Glasdächern (unsere Abbildung) unserer Autobahnraststätten zu sich nehmen sollte. "Mir scheint", schreibt Nietzsche, "alles viel mehr werth zu sein als daß es so flüchtig sein dürfte - mir ist als ob die kostbarsten Weine und Salben ins Meer gegossen würden." (Ralph Johannes, Gerhard Wölki: "Die Autobahn und ihre Rastanlagen. Geschichte und Architektur". Michael Imhof Verlag, Petersberg 2005. 199 S., geb., 39,90 [Euro].)

          CHRISTIAN GEYER

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