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: Das Ende der Ohnmacht

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Der Tag, an dem Mario Calabresis Vater ermordet wurde, war kein normaler Tag. Normale Tage kannten seine Eltern da schon lange nicht mehr. An den Häuserwänden waren in Mailand Parolen aufgetaucht, die den Vater als "Mörderkommissar" beschimpften. Die Tageszeitung "Lotta Continua" hatte, bald nach ...

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          Der Tag, an dem Mario Calabresis Vater ermordet wurde, war kein normaler Tag. Normale Tage kannten seine Eltern da schon lange nicht mehr. An den Häuserwänden waren in Mailand Parolen aufgetaucht, die den Vater als "Mörderkommissar" beschimpften. Die Tageszeitung "Lotta Continua" hatte, bald nach Marios Geburt, eine Karikatur veröffentlicht, die seinen Vater zeigte, wie er Mario auf dem Arm hielt und ihm beibrachte, einer Anarchistenpuppe mit einer Spielzeugguillotine den Kopf abzuschlagen. Es waren unmissverständliche Drohungen ausgesprochen worden.

          Kommissar Luigi Calabresi wurde am 17. Mai 1972 beim Verlassen seiner Wohnung mit zwei Pistolenschüssen getötet. Er gehörte zu den ersten Opfern des linken Terrorismus in Italien, der sich da gerade erst zu formieren begann und dessen Radikalisierung als Reaktion auf jenen Anschlag verstanden werden kann, bei dem am 12. Dezember 1969 an der Mailänder Piazza Fontana sechzehn Menschen ums Leben kamen und über hundert verletzt wurden. Es war ein unter roten Vorzeichen inszenierter Anschlag der neofaschistischen Rechten und des Geheimdienstes: Mitten am Nachmittag, zum Zeitpunkt des größten Kundenandrangs, detonierten in der Nationalen Landwirtschaftsbank zwei mit Sprengsätzen gefüllte Aktentaschen. Fast gleichzeitig gingen in Rom drei Bomben hoch.

          Danach war in Italien nichts mehr wie zuvor. Die Polizei und der größte Teil der Presse verfolgten nach der Mailänder Bombe ausschließlich die "rote Spur": Hunderte von Anarchisten und Maoisten wurden festgenommen, die Linken beharrlich beschuldigt, während man die eigentlichen Täter der Rechten schützte. Die "stragi di stato", wie man die mit staatlicher Hilfe verübten Massaker nennt, hatten System: Zugrunde lag ihnen jene "Strategie der Spannung", mit der die Bevölkerung durch Terror verunsichert werden und den autoritären Staat zurückfordern sollte. Die radikale Linke schlug zurück. Was folgte, war ein langes blutiges Jahrzehnt.

          "Wenn du jemanden umbringen willst, musst du ihn in ein Symbol verwandeln, einen ganzen Mythos erfinden. Es ist leichter, ein Symbol zu töten als einen Menschen", sagt Mario Calabresi, der zwei Jahre alt war, als sein Vater starb, und heute als Amerika-Korrespondent der Zeitung "La Repubblica" mit seiner Familie in New York lebt. Er hat ein Buch über seinen Vater geschrieben. Es ist das erste Buch über die Opfer der terroristischen Linken in Italien überhaupt, es steht seit 44 Wochen auf den italienischen Bestsellerlisten und erscheint nun auch auf Deutsch: "Der blaue Cinquecento".

          Guevarahafte Popstars

          Dabei ist wohl Mario Calabresi selbst am meisten erstaunt über seinen Bucherfolg, und er ist erleichtert: "Noch vor ein paar Jahren", meint er, "wäre es undenkbar gewesen, dass man mir, als einer Stimme der Opfer, zwei Stunden in einer Fernsehtalkshow eingeräumt hätte." Die Mitglieder der terroristischen Linken wurden in Italien zu guevarahaften Popstars stilisiert, wurden auf perverse Weise zu Berühmtheiten, was pervers nur eben kaum jemand fand. Man kennt das aus Deutschland: Mit ihrem wichtigen Buch "Für die RAF war er das System, für mich der Vater" hat die Journalistin Anne Siemens im vergangenen Jahr die Geschichte des Linksterrorismus gerade erst neu verortet, indem sie sie durch die Stimmen der Opfer und ihrer Angehörigen ergänzte. "Der blaue Cinquecento" ist, so gesehen, eine Art italienisches Pendant. Nur dass hier der Sohn eines Opfers selbst zu schreiben begonnen hat, nachdem er lange Jahre gehofft hatte, dass jemand anderes mit mehr Distanz es für ihn tun könnte. Viele Jahre mussten vergehen, bis er seine Familiengeschichte und, in Andeutungen, auch die von anderen Opfern erzählen konnte. Weit weg von zu Hause, von Amerika aus, ging es.

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