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: Das doppelt belichtete Leben

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Nachdem "die großen Welterklärungsversuche der Philosophie und Religion verblasst" seien, sagt Dieter Wellershoff in einem Interview seines neuen Aufsatzbandes, sei "das einzige, was der Literatur geblieben ist, der persönliche Blick". Ein schriftstellerisches Credo, das tatsächlich auf kaum einen ...

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          Nachdem "die großen Welterklärungsversuche der Philosophie und Religion verblasst" seien, sagt Dieter Wellershoff in einem Interview seines neuen Aufsatzbandes, sei "das einzige, was der Literatur geblieben ist, der persönliche Blick". Ein schriftstellerisches Credo, das tatsächlich auf kaum einen anderen deutschen Schriftsteller der Gegenwart so zutrifft wie auf den Kölner Autor, für den die eigene Lebenserfahrung stets Hauptinspirationsquelle war. Dennoch dauerte es relativ lange, bis Wellershoff begann, nicht nur biographisch inspirierte, sondern auch autobiographische Texte zu veröffentlichen, jene "einzige Geschichte, die am schwersten zu erzählen ist", wie er es 1974 in der Vorbemerkung zu "Doppelt belichtetes Seestück" einmal nannte, um hinzuzufügen: "Weil wir uns mit dem Blick der anderen sehen. Weil uns das angst macht. Weil wir uns nicht kennen, sondern hinter uns zurück und über uns hinaus sind."

          Erst eine Anfrage dieser Zeitung für einen Artikel über seine Schulzeit im Dritten Reich war es 1981 schließlich, die Wellershoff nach eigenem Bekunden "auf die autobiographische Spur" setzte. Vier Jahre später legte er dann mit "Die Arbeit des Lebens" erstmals einen Sammelband mit Erinnerungen an seine Kindheit und an die Kriegs- und Nachkriegszeit vor. "Der lange Weg zum Anfang" wirkt nun großenteils wie eine Fortsetzung dieser damals begonnenen Reflexionen. Denn auch hier, in den zwischen 1998 und 2006 entstandenen Texten, blickt der heute einundachtzig Jahre alte Schriftsteller vorrangig auf sein Leben zurück. Er erzählt vom Aufwachsen in einer Offiziersfamilie aus Grevenbroich, von den letzten Kriegsjahren, als er als Siebzehn-, Achtzehnjähriger an der Ostfront kämpfte (und diesen Einsatz vermutlich nur dank eines rechtzeitig erlittenen Beinschusses überlebte). Dann wieder berichtet Wellershoff von den ersten, mühsamen Jahren des Wiederaufbaus als Student in Bonn, als Zeitungsredakteur und freier Rundfunkautor - schließlich als erfolgreicher Lektor beim Kölner Verlag Kiepenheuer & Witsch.

          Das alles liest sich ungemein spannend, weil sich in diesem Werdegang die Zeit- und Geistesgeschichte der alten Bundesrepublik widerspiegelt: der verheißende "Schwebezustand" der Stunde null, die politischen Umbrüche der sechziger Jahre, der Drang nach kreativer Selbstverwirklichung in den Siebzigern. Allerdings galt der promovierte Germanist lange als Außenseiter im Literaturbetrieb, der das Schreiben von und das Reden über Literatur gleichermaßen betrieb. Man hatte hier nicht nur einen ungemein produktiven Autor vor sich, der Hörspiele, Drehbücher, Erzählungen und Romane schrieb, sondern auch einen ambitionierten Literaturwissenschaftler, der für einen Verlag nebenher Bücher lektorierte und sich regelmäßig mit Erörterungen zur Literaturgeschichte zu Wort meldete: "Irgendwie schien das etwas Unerlaubtes zu sein."

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