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: Das Christentum als Zweig der Physik

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Die gute Nachricht zuerst: Wir werden alle auferstehen, das menschliche Leben wird nach dem "anthropischen Prinzip" überall sein, und das, was folgt, wird uns wie eine Ewigkeit vorkommen, auch wenn es nur den Bruchteil einer Sekunde dauern wird. Denn unsere fernen Nachkommen werden das Elterngebot ...

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          Die gute Nachricht zuerst: Wir werden alle auferstehen, das menschliche Leben wird nach dem "anthropischen Prinzip" überall sein, und das, was folgt, wird uns wie eine Ewigkeit vorkommen, auch wenn es nur den Bruchteil einer Sekunde dauern wird. Denn unsere fernen Nachkommen werden das Elterngebot kennen und achten und uns in Form von Computerprogrammen emulieren.

          Was vorausgeht, klingt dagegen weniger erfreulich: Vernichtung der Biosphäre durch eine neue Generation von Waffen noch in diesem Jahrhundert, Notwendigkeit zur Auswanderung, beschleunigte Ausdehnung des Universums und in ferner Zukunft der endgültige Kollaps desselben. Ach, noch etwas: In ein paar Jahrzehnten wird das Christentum die universale Weltreligion sein. Wartet nur, bis die chinesischen Missionare ausgeschwärmt sind! Das finden wir natürlich gut, oder?

          Solche Aussichten sind es, die uns Frank J. Tipler, Professor für Physik in New Orleans, in Erinnerung ruft. Schon in seiner "Physik der Unsterblichkeit" (1994, im selben Jahr auf Deutsch erschienen) hatte der Autor versucht, seine Einsichten in die moderne Physik zu einem zusammenhängenden Bild der Kosmologie zu verbinden, und zwar so, dass darin zentrale Aussagen des christlichen Glaubens zumal zur Existenz Gottes und zur Eschatologie irgendwie ihren Platz finden können.

          Reformkatholiken, aufgepasst!

          Auf dieser Basis baut Tipler nun munter und unerschrocken weiter, auch wenn sein "Gehalt an der Tulane University um etwa 40 Prozent niedriger als das Durchschnittsgehalt eines ordentlichen Professors" liegt: Was muss, das muss.

          Gott ist die kosmologische Singularität, die sich in dreifacher Weise entfaltet: als "Singularität der Vollendeten Zukunft" oder "Omegapunkt", als "Singularität aller Gegenwarten" und als "Singularität der Vollendeten Vergangenheit" - anders ausgedrückt, als Vater, Sohn und Heiliger Geist. Der Sündenfall ist genetisch formulierbar; "das für die Tendenz zum Bösen wesentliche Gen" liegt auf dem X-Chromosom des Menschen. Datum ungefähr: "Kambrische Explosion", "vor einer halben Milliarde Jahren". Der Stern von Bethlehem ist eine Supernova im Andromeda-Nebel. Die Jungfrauengeburt ist biologisch nicht wahrscheinlich, aber möglich. Das Ergebnis, ein "XX-Mann", hat wahrscheinlich sowohl auf dem (echten!) Turiner Grabtuch - es ist irgendwie auch der Heilige Gral - wie auf dem Schweißtuch von Oviedo seine Spuren hinterlassen. Bei der Gelegenheit: Mütter und Töchter sollten sich einmal auf Jungfrauengeburt, Parthogenese, untersuchen lassen.

          Die Auferstehung Jesu ist physikalisch so gut beschreibbar wie seine Realpräsenz in der Eucharistie. Reformkatholiken, aufgepasst: Marias leibliche Aufnahme in den Himmel ist auch kein Problem. Das Kommen des Gottessohnes und seine Auferstehung lehren uns, was wir alle eines Tages dank Baryonenvernichtung können werden, nämlich auferstehen und ewig leben. Mit ein bisschen gutem Willen jedenfalls. Was noch fehlt, sind hier und da einige experimentelle Überprüfungen: In der Causa Bethlehem müssten die Astronomen noch mal ans Werk. In puncto Auferstehung wären Gesteinsproben von den Gräbern Jesu und Marias auf Spuren einer isolierten Strahlenquelle zu untersuchen: "Es gibt kommerzielle Labore, welche die Suche nach Spuren nuklearer Teilchen ausführen."

          Mit der Realpräsenz in der Hostie ist es schwieriger, doch, da ist sich der Autor sicher, ein "stark verfeinerter Test, mit dem gezeigt werden könnte, dass Brot und Wein nach der Transsubstantiation eine Kohärenz mit der Sohn-Singularität aufweisen, würde beweisen, dass Realpräsenz eine physikalische Tatsache ist". Haben wir also Geduld, unsere Emulationen werden es erleben.

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