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Buch „Sexkultur“ : Lust ist halt kein Spaß

Wenn Männer über Sex forschen, steht der Phallus gern an der Spitze der Erregungspyramide. Bild: Picture-Alliance

Natur ist nicht das, was nach dem Auskleiden kommt: Bettina Stangneth denkt darüber nach, wie über Sex auf wirklich unpeinliche Art zu reden wäre.

          3 Min.

          Wer sich, die Sexualität betreffend, nur auf die Natur beruft, ist oft in schlechter Gesellschaft. Im Laufe der langen Menschheitsgeschichte galt schon so vieles als natürlich oder unnatürlich, dass man leicht den Überblick verliert. Generell aber bedeutet der Ruf nach Natürlichkeit einen Ruf nach Ordnung und einer endgültigen Unabänderlichkeit. Männer sind so, Frauen sind so, das, so heißt es oft, sei eben ganz natürlich und immer schon so gewesen. Und nur selten werden Varianten und Besonderheiten in diesen Begriff der Natürlichkeit integriert, obwohl man doch eigentlich weiß, wie groß und bunt Gottes Tiergarten nun einmal ist. Ganz abgesehen davon, dass unser schönes Bild vom urzeitlichen Menschen und seinem patriarchalen Paradies durch immer mehr Funde ins Wanken gerät, die belegen, dass auch Frauen durchaus zu den Waffen griffen und damit auf Tier und Feind losgegangen sind.

          Andrea Diener
          Redakteurin im Feuilleton.

          Dass Bettina Stangneth den Begriff der „Sexkultur“ einführt, um der angenommenen, primitiven Natürlichkeit ein etwas komplexeres Modell entgegenzusetzen, ist also gar nicht ungeschickt. Denn nun kann man endlich jene, die angesichts belästigter Frauen und von MeToo-Fällen beklagen, man dürfe ja gar nichts mehr und Männer seien seit der Steinzeit leider natürlicherweise dafür gebaut, Frauen im Bademantel in Hotelzimmern aufzulauern, endlich fragen: Was um Himmels willen haben die denn bitte für eine Sexkultur? Soll sich ausgerechnet im Bereich dessen, was zwei Menschen nach Feierabend zum Vergnügen miteinander anstellen, seit den Neandertalern gar nichts getan haben?

          Mit reiner Mechanik kommt man nicht weit

          Zum Glück hält sich Bettina Stangneth nicht lange damit auf, Schuldige zu benennen, die in der westlichen Kultur – in vielen östlichen Kulturen ist das nämlich deutlich anders – dafür gesorgt haben, dass sexuelles Begehren lange unter den Teppich gekehrt wurde, der männliche Körper als Norm galt und der Onanie allerlei fürchterliche Folgen für Geist und Körper angedichtet wurden. Und als dann endlich die Sexualreformer auf den Plan traten, sollte die heilige Natur plötzlich alles richten. Natürlich ist dieser Dualismus zu einfach, und natürlich kann man nicht aus allem, was einem zu kompliziert ist, einen angenommenen Naturzustand konstruieren.

          Sowas wäre als Dekor am Kölner Dom eher schwer vorstellbar. Am Jagannath-Mandir-Tempel mitten in Kathmandu geht man mit einer Kamasuthra-Darstellung hingegen recht unbefangen um.
          Sowas wäre als Dekor am Kölner Dom eher schwer vorstellbar. Am Jagannath-Mandir-Tempel mitten in Kathmandu geht man mit einer Kamasuthra-Darstellung hingegen recht unbefangen um. : Bild: Picture-Alliance

          Denn der Mensch verfügt nicht nur über seinen Körper, sondern auch über eine blühende Phantasie, die in speziell dieser Angelegenheit eine nicht ganz unwichtige Rolle spielt, weil sie Begehren und Erregung regelt. Mit reiner Mechanik kommt man da nicht weiter. Dazu kommt ein ganzer, über Jahrhunderte tradierter Komplex aus Scham und Schuld. Erregend ist für viele nun genau das, was verboten ist oder sich zumindest so anfühlt. Sich ein Sexualleben aus den gesellschaftlichen Schranken anderer zu konstruieren ist leider auch nicht die allerfreieste Form der körperlichen Liebe. Und natürlich hat das Ganze noch eine Schattenseite, nämlich dann, wenn die eigenen Begierden gesellschaftlich wirklich nicht kompatibel oder sogar strafbar sind. Oder wenn aufgrund traumatischer Erfahrungen der Geist den Körper boykottiert. Da kommt man mit der Behauptung einer Natürlichkeit auch nicht weiter.

          Sex mit Bucketlist

          Also tut Stangneth das, was Philosophen nun einmal tun: Sie denkt die ganze Sache gründlich durch. Und, das muss man ihr zugutehalten: Sie tut es in einer äußerst verständlichen Sprache und nicht frei von Humor, so dass es einem leichtfällt und Freude macht mitzudenken. Zwischendurch wirft sie Seitenblicke auf das, was die – vorwiegend männliche – Kollegenriege bisher schon so zu diesem Thema zu sagen hatte, und gibt sich wenig Mühe, ihren Sarkasmus in dieser Sache zu zügeln. Die lange übliche Hierarchisierung der weiblichen Erotik mit dem Phallus an der Spitze ist ja auch tatsächlich sehr komisch. „Das Talent so manchen Mannes, sich allein durch die Existenz einer Frau gekränkt zu fühlen, ist schwer zu überschätzen“, heißt es irgendwo, und das kann man sich getrost einmal anstreichen und auf Wiedervorlage legen.

          Bettina Stangneth: „Sexkultur“. Rowohlt Verlag, Hamburg 2020. 288 S., geb., 22,– .
          Bettina Stangneth: „Sexkultur“. Rowohlt Verlag, Hamburg 2020. 288 S., geb., 22,– . : Bild: Rowohlt Verlag

          Nach Jahrhunderten der Verklemmung sind wir derzeit in einer Phase, in der Sex – das Stichwort Online-Dating fällt nicht, man kann es sich aber leicht dazudenken – vielfach touristisch betrieben wird. Man arbeitet eine Bucketliste ab, wie man üblicherweise Reiseziele abhakt, tut mal dies und mal das mit diesem und jenem an unterschiedlichen Orten und bringt einen Haufen lustiger Anekdoten mit. „Die saubere Vorstellung, dass sich zwei autonome Wesen zu ein bisschen Spaß verabreden, ist zwar ungemein praktisch, aber bekanntlich kein Garant dafür, dass es auch so funktioniert“, schreibt Stangneth, denn dafür sind wir alle doch zu komplizierte Wesen, die sich nicht einmal selbst gut genug kennen, geschweige denn den anderen. Und dafür ist die Sache mit dem Begehren auch zu tiefgreifend, das Intime berührt das Innere, und davor kann man auch gut und gerne ein wenig Ehrfurcht haben. Jedenfalls dann, wenn man etwas mehr veranstalten will als gymnastische Übungen.

          Um eine Sexkultur zu etablieren, braucht es das Gespräch über das Thema, und zwar das öffentliche Gespräch. Oder, in den Worten der Autorin: „Wenn dieses Buch aber nur dazu verhilft, dass man sich bei Sprechen über Sex nicht mehr so fühlt wie mit fünfzehn und ohne erledigte Hausaufgaben, wär’s auch schon nicht schlecht.“

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