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„Hoffnung stirbt am Bosporus“ : Ein türkischer Staatsstreich in Zeitlupe

Mit seiner Ermordung am 19. Januar 2007 kippte das Land: Demonstranten am ersten Jahrestag des Todes des türkisch-armenischen Journalisten Hrant Dink in Istanbul. Bild: AP

Wie sein Land vom richtigen Weg abkam: Der Journalist Yavuz Baydar ist schon zweimal ins Exil gegangen, um sein Leben zu retten. Die Hoffnung auf eine demokratische Türkei hat er verloren.

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          Zweimal musste Yavuz Baydar seine Heimat verlassen, um einer drohenden Verfolgung aus politischen Gründen zu entgehen. Am Tag nach dem gescheiterten Putsch vom 15. Juli 2016 fuhr Baydar, einer der bekanntesten türkischen Journalisten, mit dem Auto nach Griechenland in die Freiheit; 1976 hatte ein Nachtzug den linken Studenten über Bulgarien und Deutschland nach Schweden gebracht. Das erste Mal blieb Baydar vierzehn Jahre im Exil; das zweite Mal macht er sich keine Illusionen, dass es ein Exil auf Dauer sein wird.

          Rainer Hermann

          Redakteur in der Politik.

          Das Thema von Baydars Buch, das sprachlich und inhaltlich aus den aktuellen Publikationen über die Türkei herausragt, ist die Geschichte des Landes zwischen diesen persönlichen Eckdaten 1976 und 2016. Der 1956 geborene Baydar zeichnet die vier Jahrzehnte anhand seiner Biographie nach. Das Buch lebt von der Verknüpfung von Baydars Einsatz für einen integren Journalismus und eine bessere Türkei in der Auseinandersetzung mit einem autoritären Staat, in dem die zivile Politik aufgrund mittelmäßiger Politiker immer versagt hat.

          Späte Erkenntnis über armenischen Genozid

          Der Autor legt eine bewegende Schilderung vor, wie er und seine Generation türkischer Intellektueller die vergangenen Jahrzehnte erfahren haben: Wie sie Hoffnung geschöpft haben unter dem Reformer Turgut Özal und zwei Jahrzehnte später wieder in den ersten Jahren der Ära Erdogan, wie die Hoffnungen auf eine Demokratisierung und eine Reform des türkischen Staates immer wieder zerschellt sind.

          Als im Sommer 2016 viele seiner Kollegen verhaftet wurden, sah sich Baydar noch einmal in seiner Istanbuler Wohnung um, und ging. Denn: „Als kritischer Journalist war man nicht nur ein Nestbeschmutzer, sondern außerdem ein Krimineller – ein Terrorist, ein Spion, ein Feind des Volkes.“ Vierzig Jahre zuvor war er in Ankara auf dem Weg zu einer Kundgebung verhaftet worden, verurteilt wurde er wegen des „versuchten Sturzes der staatlichen Ordnung“. Bevor er die Haftstrafe antrat, konnte er fliehen. Seine prägenden Jahre erlebte er in Stockholm. Es sei ein „gigantischer Lernprozess“ gewesen, schreibt er.

          Der türkische Journalist Yavuz Baydar

          Baydar verbrachte viel Zeit in Bibliotheken und in Diskussionsrunden. Dabei wurde ihm die Sprengkraft der in der Türkei tabuisierten kurdischen Frage bewusst, und er hörte zum ersten Mal das Wort vom armenischen Genozid. „Je mehr ich erfuhr, desto größer wurde mein Entsetzen. Wie war es möglich, das ich von alledem nichts gewusst habe?“ Er studierte Kybernetik und Journalismus, wurde Redakteur für das türkische Programm des schwedischen Rundfunks, für den er über den Putsch von 1980 berichtet, der wie ein Tornado alles zertrümmerte, was sich ihm in den Weg stellte.

          Die Anfänge der AKP

          Aus der Ferne begriff Baydar, dass die Machthaber der Türkei Medien niemals unbehelligt ihre eigentliche Arbeit machen lassen würden. In seinem verkürzten Wehrdienst erlebte er 1990 eine Armee, die auf „beunruhigende Art und Weise verrottet war“. Da hatte der Reformer Özal seit 1983 eine Dynamik freigesetzt, die die Türkei zunächst zu einem Land der unbegrenzten Möglichkeiten gemacht habe. Özals Tod 1993 läutete aber ein verlorenes Jahrzehnt ein.

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