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„Hoffnung stirbt am Bosporus“ : Ein türkischer Staatsstreich in Zeitlupe

Für den Rückkehrer erwies sich als noch schlimmer, dass die türkischen Geschäftsleute, die in Medien investierten, nicht das Rückgrat des westlichen Bürgertums haben und dass ihnen jedes Gespür für ihre gesellschaftliche Rolle fehlt. Medien seien für sie nur Werkzeug der Macht. Entweder wurden die Medien, für die Baydar nun arbeitete, eingestellt, oder er wurde wegen seiner unbeugsamen Haltung entlassen. Den türkischen Medien wirft Baydar vor, die Öffentlichkeit immer gezielt hinters Licht geführt zu haben. Sie waren Teil des Systems, das mit dem Fast-Staatsbankrott 2001 implodierte.

Wie viele andere Intellektuelle begrüßte zunächst auch Baydar die 2001 gegründete AKP Erdogans. Er bezeichnet sie als „die mit Abstand erfrischendste politische Bewegung, die von der ansonsten roboterhaft anmutenden politischen Kultur der Türkei jemals hervorgebracht worden war“. Die AKP war damals auf die Gülen-Bewegung angewiesen, um ein Gleichgewicht mit dem alten Establishment herzustellen. Baydar braucht fünf lange Seiten, um allein die Stichworte für die Reformen der Jahre 2003 bis 2011 zu nennen.

Erogans Wendepunkt

Um die Jahreswende 2006/2007 kippte die Entwicklung. Die Verleihung des Nobelpreises für Literatur an Orhan Pamuk feiert Baydar noch als den „krönenden Moment für eine Türkei auf dem richtigen Weg in Richtung Demokratie“. Als im Januar 2007 der türkisch-armenische Intellektuelle Hrant Dink von Leuten des Sicherheitsapparats ermordet wurde, habe die Talfahrt eingesetzt. Im selben Jahr folgten eine Putsch-Drohung des Militärs und ein nur knapp gescheiterter Versuch des alten Establishments, die AKP zu verbieten. Die Talfahrt gewann nun an Schwung. Erdogan wurde autoritärer und betrieb eine unberechenbare Politik „nach der Spielart des Armdrückens“.

Er trat noch selbstherrlicher auf, seine Rhetorik wurde noch wagemutiger. Von 2011 an habe es keine Möglichkeit mehr gegeben, Erdogans Aufstieg zur absoluten Macht aufzuhalten, schreibt Baydar. Grundrechte wurden missachtet, Kontrollmechanismen außer Kraft gesetzt. Politik wurde ein Machtspiel, das sich auf das Schüren von Ängsten und Paranoia reduzierte. Als das Jahr 2015 zu Ende ging, notierte Baydar frustriert: „Es war vorbei.“ Der Prozess sei über die Jahre so schleichend und zeitlupenhaft verlaufen, dass nur wenige Leute diesen „sich ständig weiterentwickelnden Staatsstreich“ erkannt hätten. Im Frühjahr 2016 machten in Ankara Putschgerüchte die Runde. Aufgrund von Indizien ist Baydar überzeugt, dass Erdogan über die Vorbereitungen für den letztlich gescheiterten Putschversuch Bescheid gewusst habe. Der habe ihm dann den Weg für den letzten Schritt geebnet: für die Übernahme der Alleinherrschaft.

Nach einem jahrzehntelangen Kampf für eine bessere Türkei ist Baydar heute desillusioniert. Das Gefühl des „Besiegtseins“ überwältige alles andere, notiert er. Dabei habe die Türkei alle Voraussetzungen für eine glänzende Zukunft. „Aber diese Zukunft kam nie.“

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