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Ukrainische Selbstfindung : Dies ist auch ein Krieg um die Geschichte

Als Erstes fiel der Kopf der russischen Arbeiterstatue: Ende April wurde in Kiew das sowjetische Denkmal der Völkerfreundschaft demontiert. Bild: Imago

Für die überfallene Ukraine geht es bei der Erforschung ihrer Vergangenheit um die eigene Existenz. Serhii Plokhys Buch „Die Frontlinie“ lässt diese nationale Selbstfindung live miterleben.

          6 Min.

          Der Krieg um die Ukraine wird nicht nur mit Waffen ausgetragen. Intellektuelle im Umkreis der in Kiew herausgegebenen Zeitschrift „Krytyka“ beschreiben den Widerstand gegen die russische Aggression als einen antikolonialen Kampf, der ihr Land auch kulturell und geistig aus dem Bann des früheren Imperiums herausbricht. Deshalb hält Volodymyr Sheiko, der Generaldirektor des ukrainischen Kulturinstituts, den Aufruf zu kulturellem Dialog und Versöhnung zum jetzigen Zeitpunkt, da Russland das Land mit Krieg überzieht, für „kolonial und arrogant“. Er zementiere bloß die alte Hierarchie, der zufolge Russland mit seinem imperialen Selbstverständnis im Zentrum stehe und die Ukraine an der Peripherie. Der jetzige Krieg, schreibt Sheiko in „Krytyka“, sei die „Chance, eine neue Perspektive zu entwickeln, neue Prinzipien des Zusammenlebens und der Kommunikation, eine neue Weltordnung zu errichten“. Die russische Kultur zu canceln sei für die Ukrainer heute ein Mittel, um zu überleben.

          Mark Siemons
          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          So werden im ganzen Land Straßennamen ausgetauscht, die noch an Repräsentanten jener Kultur erinnern, in deren Namen sich Putin seinen Krieg anmaßt; selbst die Metrostation am Leo-Tolstoi-Platz in Kiew ist davor nicht sicher. In einem Dorf bei Odessa heißt die Wladimir-Majakowski-Straße jetzt Boris- Johnson-Straße, der britischen Waffenlieferungen wegen. Ende April wurden in Kiew die Bronzeskulpturen des zu So­wjetzeiten errichteten „Denkmals der Völkerfreundschaft“ demontiert. Sobald als Erstes der Kopf der russischen Arbeiterstatue gefallen war, die dort in Eintracht mit einer ukrainischen gestanden hatte, brach, Augenzeugen zufolge, spontan Jubel aus. Übrig blieb nur der das Ensemble überwölbende Bogen aus Titan, der mittlerweile in „Bogen für die Freiheit des ukrainischen Volkes“ umbenannt wurde.

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