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Buch „Das Ende des Alterns“ : Der Jungbrunnen vor unseren Füßen

Biologisch Jüngling: Der gebürtige Inder Fauja Singh hatte als Hundertjähriger am Toronto-Marathon teilgenommen. Bild: dapd

Einblicke in die molekulare Traumfabrik: David A. Sinclair will den Tod abschaffen und das Altern gleich mit entsorgen. Ein Plan, an dem sich die Geister scheiden.

          4 Min.

          Die Jugend, sagte einmal der unsterbliche Charlie Chaplin in seiner unverwüstlichen Leichtigkeit, wäre so viel schöner, wenn sie erst später im Leben käme. Wir sind offenbar so weit. Oder sagen wir – beinahe. Ewige Jugend und damit ewiges Leben, im Diesseits wohlgemerkt, der ewige Menschheitstraum seit der Antike. Der Körperkult der Griechen, wir erinnern uns. Und nun also David Sinclair, Professor an der Harvard Medical School in Boston, fünfzig Jahre alt, ungarisch-australischer Abstammung, Familie, Kinder, lebenssüchtig, todesfürchtig und einer der wissenschaftlichen Pioniere jener Disziplin, die mit dem Begriff molekulare Alternsforschung höchst unzureichend beschrieben ist.

          Joachim Müller-Jung
          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

          Denn die Alternsforschung, die er in seinem Buch zu Ehren kommen lässt, müsste eigentlich Unsterblichkeitsforschung heißen. Das wäre natürlich ein Affront, mindestens gegen die Religionen, die sich in ihrer jenseitigen Kompetenz wohl kaum die Butter vom Brot nehmen lassen wollen. Aber auch die Wissenschaft oder der Teil der naturwissenschaftlichen Medizin, der sich als seriös versteht, dürfte sich mit einem Lehrstuhl für Unsterblichkeitsforschung derzeit kaum anfreunden.

          Sinclair sitzt also zwischen den Stühlen. Weshalb man ihm, der Seriosität und Kollegialität wegen, sicher angeraten hat, seinen Professor-Titel unbedingt mit auf das Cover zu nehmen. Denn es stimmt ja: die Empfindlichkeiten beim Thema Unsterblichkeit sind erdrückend. Der Versuch, den Tod mit modernen molekularbiologischen Techniken zu überwinden, gehört zu den laufenden Projekten der Wissenschaften, die gewissermaßen unter dem Radar von Öffentlichkeit, Kirche und Politik abzulaufen haben. Aber sie laufen eben. Und davon handelt dieses Buch in beeindruckender Ausführlichkeit.

          Das Kultige gefällt ihm

          Der Tod selbst, das Sterben oder gar Auferstehung spielen für Sinclair keine Rolle. Nicht, weil er als Genetiker keine Meinung dazu hätte, sie sind für seine konkreten Planspiele der Unsterblichkeit einfach überflüssig. Ausgangspunkt für ihn, sieht man von seinen zugegeben streng naturwissenschaftlich inspirierten Konzepten ab, ist vielmehr eine Art Technikreligion, die sich seit einiger Zeit fast rauschhaft im Silicon Valley auszubreiten scheint und deshalb auch immer wieder als Lebenstraum der größten, reichen Freaks ihren Weg in die Schlagzeilen bringt. Der Transhumanismus ist ganz nah dran.

          Sinclair schreckt allerdings davor zurück, sich offen dazu zu bekennen. Eher noch scheint er sich auf den ersten Blick mit der längst etablierten Anti-Aging-Bewegung gemein zu machen, worauf der deutsche Titel „Das Ende des Alterns“ hindeutet – und worauf auch seine Aktivitäten als Start-up-Unternehmer und Wissenschaftsberater hindeuten. Doch das Kultige, geradezu Erlösungsfanatische der Transhumanisten gefällt ihm ganz sicher, was Sätze wie die folgenden belegen: „Als Spezies leben wir heute viel länger als je zuvor. Aber nicht viel besser. Überhaupt nicht. Im Laufe der letzten hundert Jahre haben wir uns zusätzliche Jahre verschafft, aber kein zusätzliches Leben – jedenfalls kein Leben, das sich lohnen würde.“ Der Autor fährt buchstäblich alles auf, um beweisen zu können, dass es etwas Besseres gibt.

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