https://www.faz.net/-gr3-w07d

: Das bemalte Fenster als Tor zur Welt

  • Aktualisiert am

Es beginnt mit einem philologischen Paukenschlag: Ruth Klüger korrigiert Goethe: "Eigentlich sollte es ,bemalte', nicht ,gemalte' Fensterscheiben heißen", sagt sie forsch, um allerdings sogleich kleinlaut hinzuzufügen: "Aber wer wagt es schon, gegen Goethes gönnerhaft-väterliche Altherrenstimme pedantisch ...

          Es beginnt mit einem philologischen Paukenschlag: Ruth Klüger korrigiert Goethe: "Eigentlich sollte es ,bemalte', nicht ,gemalte' Fensterscheiben heißen", sagt sie forsch, um allerdings sogleich kleinlaut hinzuzufügen: "Aber wer wagt es schon, gegen Goethes gönnerhaft-väterliche Altherrenstimme pedantisch aufzubegehren?" Hier irrt, pardon, nicht Goethe, sondern Ruth Klüger. Der Terminus "gemalte Fensterscheiben", den Goethe auch regelmäßig in seinen Beiträgen zur Optik im Kampf gegen Newton benutzt, war im achtzehnten und frühen neunzehnten Jahrhundert noch durchaus gleichbedeutend mit "bemalten Fensterscheiben". Anderenfalls hätte er schon seine Straßburger Verse "Kleine Blumen, kleine Blätter" der geliebten Friederike Brion nicht "mit einem gemalten Band", sondern mit einem bemalten Band überreicht. "Gemalte Bänder waren damals eben erst Mode geworden", schreibt Goethe in "Erinnerung an diese Zeit".

          Sei's drum. Als Titel einer Sammlung von Interpretationen deutscher Gedichte, die Ruth Klüger hier vorlegt, eignen sich die Anfangsworte des Goethe-Gedichtes - "Gedichte sind gemalte Fensterscheiben" - gleichwohl vorzüglich. Denn Goethes plädiert hier dafür, sich in das Kircheninnere hineinzubegeben, wo man die Transparenz und die Transzendenz der bedeutenden, bunten, vom Sonnenlicht erleuchteten Kirchenfenster sinnlich wahrnehmen kann - eine einleuchtende Empfehlung auch für Leser, die ins Innere von Gedichten einzutreten wünschen. Dabei will ihnen Ruth Klüger mit den exemplarischen Interpretationen ihres Buches behilflich sein.

          Seit 1994 trägt die Germanistikprofessorin und Schriftstellerin Ruth Klüger regelmäßig ihre Gedanken zu deutschen Gedichten in der von Marcel Reich-Ranicki begründeten "Frankfurter Anthologie" vor. Nicht weniger als 29 ihrer nun gesammelten Beiträge konnten treue Leser bereits in dieser Zeitung oder in den Bänden der "Frankfurter Anthologie" lesen. Die Interpretationen gelten lyrischen Texten vom Zweiten Merseburger Zauberspruch ("ben zi bena, bluot zi bluoda") bis zu Sarah Kirsch, Robert Gernhardt und Robert Schindel. "Übrigens", schreibt Ruth Klüger, "passt mir das Wort Interpretation für die ,Frankfurter Anthologie' nicht recht. Denn es hat ja etwas Hochnäsiges im Sinn von: ,Ich verstehe es, und du verstehst es nicht, also werde ich es dir erklären'" - und wer will schon als hochnäsig gelten! Ruth Klüger jedenfalls nicht.

          Sie müsste sich ja eigentlich nicht dafür entschuldigen, dass sie tatsächlich von der Sache, über die sie spricht, allerlei versteht; und sie tut das auch nicht. Im Bemühen, die von ihr gewählten Gedichte "in unserer Zeit unterzubringen, in der der Kritiker und in der der Leser", sind ihr gewiss nicht alle, aber doch viele Mittel recht: Sie lässt philologische Umsicht walten und aktualisiert rigoros; sie bekennt persönliche Betroffenheit und vermittelt sachliche Informationen, sie unterhält mit zugespitzten Formulierungen; und sie kultiviert den Gestus des didaktischen Umgangs mit den Gedichten einerseits und mit den erhofften Lesern, um die sie wirbt, andererseits. Es ist geradezu eine Kumpanei mit diesen beiden Instanzen, die sie betreibt, und nichts ist dafür charakteristischer als die geradezu inflationär wiederkehrende Formel "Unser Gedicht". "Unser Gedicht" - das will heißen: Dieses Gedicht, mit dem wir - du, "lieber betroffener Leser", und ich, die Interpretin - gerade befasst sind, gehört schon allein deshalb uns beiden, weil wir uns gemeinsam darum bemühen; wir machen es uns buchstäblich zu eigen.

          Weitere Themen

          San Diego im Comic-Con-Wahn Video-Seite öffnen

          Superhelden und Superschurken : San Diego im Comic-Con-Wahn

          Was als Gelegenheit für Comic-Fans begann, Ausgaben zu kaufen und zu verkaufen oder die Autoren der Comics kennenzulernen, gilt heute als die weltgrößte Messe ihrer Art. Immer populärer geworden ist auch Cosplay - der Darstellung einer Figur aus Comic, Videospiel, oder Manga.

          Topmeldungen

          Die aufgewendete Energie ist enorm, der Ertrag mager: Geförderte Humboldt-Universität in Berlin.

          Exzellenz-Förderung : Noch so ein Sieg

          Ein Wettbewerb, in dem es nur Sieger gibt, ist eigentlich keiner: Welche Universitäten über die Exzellenzinitiative gefördert werden und welche nicht, sagt so gut wie nichts aus.

          Persischer Golf : Vermisst irgendjemand eine Drohne?

          Ein weiterer Zwischenfall im Golf schafft Verwirrung. Iran dementiert amerikanische Angaben über einen Drohnenabschuss. Zugleich macht Teheran ein neues Gesprächsangebot.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.