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: Das ausgetrickste Aschenputtel

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Die letzte hinterlassene Arbeit entstand 1960, drei Jahre bevor sie sich umbrachte. Es ist eine Collage, der lächelnde Präsident Eisenhower im Vordergrund, dahinter Vizepräsident Nixon und in der linken oberen Ecke zwei eigentlich viel zu alte Männer, die wie Teenager mit ferngesteuerten Autos spielen: ...

          Die letzte hinterlassene Arbeit entstand 1960, drei Jahre bevor sie sich umbrachte. Es ist eine Collage, der lächelnde Präsident Eisenhower im Vordergrund, dahinter Vizepräsident Nixon und in der linken oberen Ecke zwei eigentlich viel zu alte Männer, die wie Teenager mit ferngesteuerten Autos spielen: Winzige Rennwagen brettern die Schlaufen einer Spielzeugstraße hinunter, sie rasen direkt in den Schweif eines Flugzeugbombers, den Eisenhower, als wäre es ein Hut, auf dem Kopf trägt. Die Hände hinter dem Kopf verschränkt, die Augen geschlossen, lehnt eine Frau im Badeanzug in diese Szene hinein, womit schließlich alles beisammen wäre, was in diesen Jahren öffentlichkeitswirksam war: Männer in Anzügen, Frauen in Badebekleidung, Kalter Krieg, Aufrüstung, Pop-Art, Werbung, Warenkultur. Nicht zu vergessen Raumfahrt und Tablettensucht - vertreten durch Satellit und Pillenröhrchen auf Eisenhowers Schreibtisch.

          Aber jetzt von vorne: Ausgeschnitten und aufgeklebt hat diese Schnipsel Sylvia Plath, die amerikanische Romanautorin, Lyrikerin - und, wie jetzt bekannt wurde, heimliche bildende Künstlerin. Denn obwohl Plaths Leben und Werk durch die Mangel von mehreren Biographien gedreht wurde, die immer auch für einen Skandal gut waren, blieb bisher unentdeckt, was ihr unermüdliches Schreiben fast durchgehend begleitete: Bilder, gezeichnet, gemalt oder collagiert.

          Geborgen hat dieses nachgelassene Konvolut die Literaturwissenschaftlerin Kathleen Connors in der Lilly Library der Indiana University und nun zusammen mit Sally Bayley in einem bisher nur auf Englisch erhältlichem Sammelband bei Oxford University Press zusammengestellt: "Eye Rhymes: Sylvia Plath's Art of the Visual" (Oxford 2007, 288 Seiten, 66 Abbildungen, ca. 32 Euro).

          Was erzählen Plaths Bilder, was wir nicht aus ihrer Prosa oder den Gedichten kennen? Anfangen sollte man vielleicht mit der gängigen Vorstellung von ihr - und mit dem, was dabei schiefgelaufen ist. Sylvia Plath erhielt 1982 postum den Pulitzerpreis für Lyrik, fast zwanzig Jahre nach ihrem Selbstmord am 11. Februar 1963 - an dem Tag, an dem sie ihren Kindern ein Glas Milch ans Bett stellte, den Spalt unter der Küchentür abklebte und den Gashahn des Backofens aufdrehte. Zehn Jahre zuvor war sie bereits wegen Depressionen mit Elektroschocks behandelt worden, nach ihrem daran anschließenden Selbstmordversuch verbrachte sie einige Zeit in der geschlossenen psychiatrischen Abteilung des Massachusetts General Hospital.

          Ihr nach Verkaufszahlen größter Erfolg war "Die Glasglocke", 1963 unter dem Pseudonym Victoria Lucas veröffentlicht, ein Roman, der ebenfalls von einer Frau handelt, die erst ein College besucht, für Magazine schreibt, versucht, sich umzubringen, in eine Klinik kommt und dort mit Elektroschocks malträtiert wird. Die Ähnlichkeiten haben beide, Plath und die inzwischen legendäre Romanfigur Esther Greenwood, in der Rezeption zu einer Person verschmolzen - was ebenso viel Anziehung wie Abschreckung produzierte. Plaths Anhänger erkoren sie zu einer Märtyrerin, die aufs Rad ihres chauvinistischen Umfelds geflochten wurde, womit sie natürlich nicht falsch lagen: Denn in Depressionen und den anschließenden Selbstmord trieben Plath sicherlich das absurde Frauenbild der fünfziger Jahre, die brutalen Methoden der Psychiatrie und die Ehe mit dem egozentrischen Ted Hughes, der nach ihrem Tod das letzte Tagebuch vernichtete - damit es die Kinder nicht lesen müssen. Nur: Gerade diese Opferrolle schreckte auch viele ab. Sylvia Plath: Dieser Name wurde gleichbedeutend mit Selbstzerfleischung, Bekenntnisliteratur und permanenter Innenschau.

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