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Buch über Mao Tse-tung : Von einer sozialistischen Demokratie war nur kurz die Rede

Jiang Qing, letzte Ehefrau Maos, während des Prozesses im Jahr 1980 Bild: Interfoto

Nie mehr eine unkontrollierte Massenbewegung zulassen: Daniel Leese beschreibt, wie Chinas Kommunistische Partei die Kulturrevolution aufarbeitete.

          6 Min.

          Als Mao Tse-tung am 9. September 1976 starb, stimmten nicht alle Chinesen in das offizielle Wehklagen ein. Zwei Pekinger mittleren Alters gedachten des Ereignisses daheim mit hochprozentigem Hirseschnaps und feierten es mit Hochrufen wie „Lange verrotte der Große Vorsitzende!“ Die beiden wurden, nachdem Nachbarn die private Party der Polizei gemeldet hatten, verhaftet; Anfang 1978 verurteilte ein Bezirksgericht sie wegen Befleckung des Sozialismus zur Todesstrafe mit zweijährigem Aufschub. Doch weniger als ein Jahr danach hob dasselbe Gericht das Urteil auf und rehabilitierte die Männer. Ihr Verhalten sei zwar kritikwürdig gewesen, hieß es nun, stelle aber keine Straftat dar. Die während der Haftzeit entgangenen Löhne wurden nachgezahlt.

          Mark Siemons
          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Den Fall hat der Freiburger Sinologe Daniel Leese in Pekinger Gerichtsakten gefunden und ihm einen Platz ziemlich am Anfang seiner beeindruckenden Recherche über die chinesische Vergangenheitsbewältigung nach der Kulturrevolution eingeräumt. Offensichtlich hatte sich in dem Jahr, das zwischen den beiden Urteilen liegt und in dem sich in China durchaus kein institutioneller Machtwechsel vollzogen hatte, etwas verschoben in der Art und Weise, wie diese Macht interpretiert wurde. Leese unternimmt es, Bedingungen und Ziele diese Veränderung anhand der Auswertung von Partei-, Gerichts- und Verwaltungsakten minutiös nachzuzeichnen.

          Machtinteresse mit klaren Zielsetzungen

          Es geht um einen historischen Epochenumbruch, dessen Auswirkungen auf das jetzige Auftreten der Volksrepublik gar nicht zu überschätzen sind. In diesem Moment der Verflüssigung, den China nach der Kulturrevolution erlebte, vor allem in den fünf Jahren zwischen 1976 und 1981, stellte die Kommunistische Partei nicht nur die Weichen für ihren oft beschriebenen Schwenk zur Marktwirtschaft. Sie sortierte angesichts des selbstzerstörerischen Potentials, das ihr die Kulturrevolution gezeigt hatte, auch ihre eigenen Maßstäbe für Herrschaft und Gerechtigkeit.

          Daniel Leese: „Maos langer Schatten“. Chinas Umgang mit der Vergangenheit.
          Daniel Leese: „Maos langer Schatten“. Chinas Umgang mit der Vergangenheit. : Bild: C.H. Beck Verlag

          Einem geläufigen Verständnis nach wurde der maoistische Terror nach 1976 einfach unter den Teppich gekehrt, um sich unbeschwert dem wirtschaftlichen Aufschwung widmen und dabei die Machtverhältnisse unberührt lassen zu können. Doch eine solche Sicht ignoriert das Ausmaß der Erschütterung, die der flächendeckende Terror und die Aufhebung aller sozialen Selbstverständlichkeiten in der Gesellschaft hervorgerufen hatten. Dass das Beben, sobald der Druck nachließ, die kommunistische Herrschaft nicht hinweggefegt und das Land zerrissen hat, bedarf einer Erklärung. Daniel Leeses Resümee ist am Ende der geläufigen Meinung geradezu entgegengesetzt: „Es gibt wohl kaum einen Staat, der sich im unmittelbaren Gefolge eines politischen Führungswechsels intensiver und großflächiger mit Fragen politischen Unrechts auseinandergesetzt hat als die Volksrepublik China zwischen 1976 und 1986.“

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