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Urteilen und Handeln : Wie der Zufall unsere Entscheidungen beeinflusst

  • -Aktualisiert am

Links oder rechts? Entscheidungen sind von vielen Faktoren abhängig, die man häufig nicht überschaut. Bild: Picture-Alliance

Im Theater der Denkfehler: Daniel Kahneman, Olivier Sibony und Cass R. Sunstein erläutern, warum wir oft inkonsistente Bewertungen vornehmen – und welche Folgen das hat.

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          Richter sollten überlegt, verlässlich und fair urteilen. Das jedenfalls erwarten wir von der Rechtsprechung. Doch in den Vereinigten Staaten bestrafen Richter afroamerikanische Angeklagte überdurchschnittlich hart, wie groß angelegte Untersuchungen zeigen. Die vermeintlich Unparteiischen unterliegen offenbar einem „Bias“, einer Urteilsverzerrung. Solche Vorurteile, ob bewusst oder unbewusst, sind allerdings nicht die einzige Quelle für Urteilsfehler.

          Denn auch unabhängig von ihnen schwankt das Strafmaß erheblich. In einer Untersuchung beispielsweise lagen die Haftstrafen für Erpressung selbst bei vergleichbaren Delikten zwischen drei und zwanzig Jahren. Bei Asylanträgen sieht die Sache nicht besser aus. Einige Richter geben 88 Prozent der Anträge statt, andere gewähren nur in fünf Prozent der Fälle einen Aufenthaltsstatus.

          Unser Verstand ist ein Messinstrument

          Die Urteile der amerikanischen Richter sind nicht nur verzerrt, sondern sie sind auch „verrauscht“. Sie weisen eine starke Streuung auf. Dieses Rauschen, englisch „Noise“, ist Titel und Thema von Daniel Kahnemans neuem Buch, das der amerikanische Psychologe und Ökonomienobelpreisträger zusammen mit dem Juristen Cass Sunstein und dem ehemaligen McKinsey-Partner Olivier Sibony geschrieben hat.

          Daniel Kahneman, Olivier Sibony und Cass R. Sunstein: „Noise“. Was unsere Entscheidungen verzerrt – und wie wir sie verbessern können.
          Daniel Kahneman, Olivier Sibony und Cass R. Sunstein: „Noise“. Was unsere Entscheidungen verzerrt – und wie wir sie verbessern können. : Bild: Siedler Verlag

          Menschliche Urteile sind fast immer verrauscht. Ganz gleich welche Branche man betrachtet, ob Medizin, Ausbildung oder Sozialarbeit, stets müssen Menschen andere beurteilen: Pflegestufen festlegen, Empfehlungen für weiterführende Schulen aussprechen, Sorgerechtsfragen klären. Die Urteile können erfolgreiche Karrieren ermöglichen oder Lebenswege für immer verschließen. Den meisten Menschen ist klar, dass Vorurteile zu Urteilsverzerrungen führen. Aber dass Rauschen ein viel stärkerer Faktor sein kann, ist den wenigsten bewusst, denn die Streuung der Urteile bleibt unsichtbar.

          Dramatische Folgen in großen Organisationen

          Unser Verstand, so erklären es Kahneman und Kollegen, ist ein Messinstrument, mit dem wir Dinge und Ereignisse auf einer Skala bewerten. In unserer metrischen Zeit beurteilen wir alles: Menschen, Filme, Bücher und den Kundenservice des Telefonanbieters; im Alltag mit Sternchen und Likes, im Beruf mit Gutachten und Arbeitszeugnissen. Personaler machen Voraussagen, wie erfolgreich eine Bewerberin im neuen Job sein wird, und Ärztinnen bewerten, wie wahrscheinlich es ist, dass ein Tumor entsteht. Im Idealfall würde jeder immer präzise und konsistent urteilen. Doch die Praxis sieht anders aus.

          Man kann das gut mit einer Stoppuhr auf dem Smartphone verdeutlichen. Wer zehnmal hintereinander versucht, mit geschlossenen Augen genau bei zehn Sekunden zu stoppen, wird bemerken, dass die Resultate schwanken. Liegen alle Werte um elf Sekunden herum, hat die innere Uhr ein Bias. Verteilen sich die Ergebnisse hingegen zwischen acht und zwölf Sekunden, handelt es sich um Noise. Wer sein Bias reduzieren kann, wird bessere Ergebnisse erzielen, bei einer Noise-Reduktion allerdings auch. Dieses einfache Beispiel, so Kahneman und Kollegen, könne man auf viele Entscheidungen im Berufsleben übertragen.

          Ist es heiß, strafen amerikanische Richterinnen strenger

          Bias wie Noise können dramatische Folgen in großen Organisationen haben: hohe Kosten für Versicherungen, Todesfälle in Krankenhäusern oder eben ungerechte Strafen vor Gericht. Doch während Bias seit einigen Jahrzehnten in aller Munde ist – Kahneman hat mit seinem Buch „Schnelles Denken, langsames Denken“ dazu beigetragen –, fällt Noise immer noch die Rolle des Komparsen zu, obwohl es im Theater der Denkfehler oft die Hauptrolle spiele.

          So belegen Untersuchungen zu Millionen von Gerichtsentscheidungen, dass zufällige Umweltfaktoren zu situativem Rauschen führen („occasion noise“). Ist es draußen heiß, strafen amerikanische Richterinnen strenger als üblich. Hat allerdings das örtliche Footballteam am Wochenende gewonnen, fallen die Urteile deutlich milder aus. Bei Ärzten ist dieses situative Rauschen ebenfalls nachweisbar. Nach einem anstrengenden Arbeitstag verschreiben sie deutlich mehr starke Schmerzmittel als am Anfang ihrer Schicht.

          Leitlinien und Regeln sind gefragt

          Besonders ins Gewicht fällt aber das Rauschmuster („pattern noise“), das jede Person aufweist. Während eine Richterin vielleicht besonders streng bei Diebstählen, aber nachlässiger bei Betrug ist, verhält es sich bei ihrer Kollegin genau umgekehrt. Da im Fall der Vereinigten Staaten konservative Richter in den Südstaaten grundsätzlich strenger urteilen als ihre Kollegen aus dem liberaleren Norden, kommt zudem eine Streuung in der Urteilsstrenge („level noise“) hinzu. Zusammen erhöhen diese drei Noise-Spielarten das Gesamtrauschen des Systems und machen dadurch die Rechtsprechung ungerecht.

          Dort, wo es um Kreativität, Ästhetik oder Konkurrenz am freien Markt geht, ist Noise in Form von Vielfalt durchaus vorteilhaft. Doch sobald Präzision gefragt ist und viel auf dem Spiel steht, wird Noise zum Problem. Daher schlagen die Autoren mehr „Entscheidungshygiene“ in großen Organisationen vor. In „Noise Audits“ soll zunächst der Grad des Rauschens ermittelt werden, um ihn dann in einem ausgeklügelten Verfahren zu mindern. Dazu gehört zum Beispiel, nicht mit komplexen Skalen zu arbeiten. Wir sind gut darin, zwei Bewerber direkt miteinander zu vergleichen, aber schlecht darin, viele Faktoren zu gewichten. Zudem interpretieren selbst Expertinnen Skalen unterschiedlich, etwa ob „hervorragend“ heißt „gehört zu den besten zehn Prozent“ oder „zu den besten ein Prozent“. Um unser individuelles „pattern noise“ zu minimieren, helfen verbindliche Leitlinien und Regeln. Noch besser eignen sich Algorithmen, auch wenn sie in vielen Organisationen noch immer auf Ablehnung stoßen.

          Kahnemans, Sunsteins und Sibonys Buch ist klar geschrieben und voller erhellender Beispiele, wenn auch manchmal etwas redundant und technisch. Es hat das Potential, zu einem Standardwerk für Entscheider zu werden, für Personalabteilungen genauso wie für Ingenieure, Sozialarbeiter oder Fußballtrainer. In Zukunft könnte es dann in Unternehmen nicht nur Anti-Bias-Trainings geben, sondern vor allem Anti-Noise-Trainings.

          Daniel Kahneman, Olivier Sibony und Cass R. Sunstein: „Noise“. Was unsere Entscheidungen verzerrt – und wie wir sie verbessern können. Aus dem Englischen von Thorsten Schmidt. Siedler Verlag, München 2021. 480 S., Abb., geb., 30 Euro.

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