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Urteilen und Handeln : Wie der Zufall unsere Entscheidungen beeinflusst

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Ist es heiß, strafen amerikanische Richterinnen strenger

Bias wie Noise können dramatische Folgen in großen Organisationen haben: hohe Kosten für Versicherungen, Todesfälle in Krankenhäusern oder eben ungerechte Strafen vor Gericht. Doch während Bias seit einigen Jahrzehnten in aller Munde ist – Kahneman hat mit seinem Buch „Schnelles Denken, langsames Denken“ dazu beigetragen –, fällt Noise immer noch die Rolle des Komparsen zu, obwohl es im Theater der Denkfehler oft die Hauptrolle spiele.

So belegen Untersuchungen zu Millionen von Gerichtsentscheidungen, dass zufällige Umweltfaktoren zu situativem Rauschen führen („occasion noise“). Ist es draußen heiß, strafen amerikanische Richterinnen strenger als üblich. Hat allerdings das örtliche Footballteam am Wochenende gewonnen, fallen die Urteile deutlich milder aus. Bei Ärzten ist dieses situative Rauschen ebenfalls nachweisbar. Nach einem anstrengenden Arbeitstag verschreiben sie deutlich mehr starke Schmerzmittel als am Anfang ihrer Schicht.

Leitlinien und Regeln sind gefragt

Besonders ins Gewicht fällt aber das Rauschmuster („pattern noise“), das jede Person aufweist. Während eine Richterin vielleicht besonders streng bei Diebstählen, aber nachlässiger bei Betrug ist, verhält es sich bei ihrer Kollegin genau umgekehrt. Da im Fall der Vereinigten Staaten konservative Richter in den Südstaaten grundsätzlich strenger urteilen als ihre Kollegen aus dem liberaleren Norden, kommt zudem eine Streuung in der Urteilsstrenge („level noise“) hinzu. Zusammen erhöhen diese drei Noise-Spielarten das Gesamtrauschen des Systems und machen dadurch die Rechtsprechung ungerecht.

Dort, wo es um Kreativität, Ästhetik oder Konkurrenz am freien Markt geht, ist Noise in Form von Vielfalt durchaus vorteilhaft. Doch sobald Präzision gefragt ist und viel auf dem Spiel steht, wird Noise zum Problem. Daher schlagen die Autoren mehr „Entscheidungshygiene“ in großen Organisationen vor. In „Noise Audits“ soll zunächst der Grad des Rauschens ermittelt werden, um ihn dann in einem ausgeklügelten Verfahren zu mindern. Dazu gehört zum Beispiel, nicht mit komplexen Skalen zu arbeiten. Wir sind gut darin, zwei Bewerber direkt miteinander zu vergleichen, aber schlecht darin, viele Faktoren zu gewichten. Zudem interpretieren selbst Expertinnen Skalen unterschiedlich, etwa ob „hervorragend“ heißt „gehört zu den besten zehn Prozent“ oder „zu den besten ein Prozent“. Um unser individuelles „pattern noise“ zu minimieren, helfen verbindliche Leitlinien und Regeln. Noch besser eignen sich Algorithmen, auch wenn sie in vielen Organisationen noch immer auf Ablehnung stoßen.

Kahnemans, Sunsteins und Sibonys Buch ist klar geschrieben und voller erhellender Beispiele, wenn auch manchmal etwas redundant und technisch. Es hat das Potential, zu einem Standardwerk für Entscheider zu werden, für Personalabteilungen genauso wie für Ingenieure, Sozialarbeiter oder Fußballtrainer. In Zukunft könnte es dann in Unternehmen nicht nur Anti-Bias-Trainings geben, sondern vor allem Anti-Noise-Trainings.

Daniel Kahneman, Olivier Sibony und Cass R. Sunstein: „Noise“. Was unsere Entscheidungen verzerrt – und wie wir sie verbessern können. Aus dem Englischen von Thorsten Schmidt. Siedler Verlag, München 2021. 480 S., Abb., geb., 30 Euro.

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