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Inszenierte Schwangerschaften : Eine gute Mutter macht ein Womb-Selfie

  • -Aktualisiert am

Auch schon wieder acht Jahre Her: Britney Spears wirbt schwanger für das Magazin Harper’s Bazaar in einer U-Bahn-Station in Tokio. Bild: Reuters

Von Föten, die twittern, und Schwangeren als Pin-up auf der Kühlerhaube: Daniel Hornuff hat eine exzellente Kulturgeschichte der Schwangerschaft geschrieben

          Nicht nur Deutschland sucht den Superstar-Fötus. Weltweit stellen sich Schwangere mit den Sonogrammen ihrer Babys in Ultraschall-Wettbewerben der Konkurrenz. Sie konfigurieren so für ihre noch nicht geborenen Kinder eine bebilderte Pränatalbiographie und teilen sie bereitwillig auf Facebook. Die nachgeburtliche Timeline war gestern, wer sich ikonographisch nicht zurück in die Gebärmutter rooten kann, ist, bildtechnisch gesehen, Teil-Waise.

          Die Winzlinge mischen sogar schon aktiv in den sozialen Netzwerken mit. So twitterte bereits der Fötus von Beyoncé Knowles aus dem Dunkel in die Welt, um die Echtheit von Mamas Schwangerschaft zu beglaubigen. Die Fangemeinde argwöhnte nämlich, Knowles hätte eine solche nur vorgetäuscht.

          Der „Fötus-to-go“ aus dem Studio

          Um die Sichtbarwerdung und das Sich-bemerkbarmachen des Ungeborenen ist eine Eventkultur entstanden, für die die körnigen Schwarzweiß-Ultraschallbilder der achtziger Jahre nur noch Retro sind. Sie zeugen allenfalls rudimentär von dem einstigen Vorhaben, mit der Bildgebung Pränataldiagnostik zu ermöglichen und zu verbessern. Inzwischen haben wir es längst mit einer Pränatalvisualisierung zu tun, die sich immer weiter vom medizinischen Kontext löst. In privaten Ultraschallstudios - in den Vereinigten Staaten bereits in Einkaufszentren angesiedelt - erhält man den „Fötus-to-go“: Nebst der DVD mit intrauterinem Baby-Fernsehfilmchen vom Gebärmutterset ist das eigene Ungeborene auch wahlweise als Schlüsselanhänger oder Kamin-Nippesfigur aus dem 3D-Drucker im Angebot.

          Daniel Hornuff, Kunstwissenschaftler an der Universität Karlsruhe, lenkt unseren Blick pointiert auf solche und etliche andere Inszenierungen von gewölbten Bäuchen und ihren Einwohnern. Seine Kulturgeschichte der Schwangerschaft, die eher eine Mediengeschichte vom Ungeborenen und seinen Hüllen ist, tischt uns ihrerseits eine Zusammenschau von Bildkonstruktionen auf, die schon deshalb nicht willkürlich genannt werden darf, weil sie absolut überzeugend ausgewählt ist.

          Hornuff deckt auf, wie der Frankfurter Anatom Samuel Thomas Soemmerring und sein begabter Zeichner Christian Koeck 1799 in den „Icones embryonum humanorum“ das Ungeborene für die Öffentlichkeit mittels historischen Photo-shop-Verfahrens retuschiert haben. Dezidiert waren die Zeichnungen nicht nur für Kollegen, sondern auch für das Laienpublikum gedacht. Man wollte durchaus verblüffen, aber nicht schockieren, daher ließ man Missbildungen tunlichst weg.

          Frühe Ertüchtigungen

          So versinnbildlichte schließlich ein stilisiertes Ebenmaß die ersten Lebensmonate, extrahiert aus Vorlagen von Totgeburten, die man in Weingeist konserviert hatte. Der Autor macht deutlich, dass das Konstruierte der embryonalen und fetalen Entwicklung im Mutterleib durchaus Vorläufer hat. Soranos von Ephesos werden die Darstellungen aus der Spätantike zugeschrieben, die sportliche Männer in Turnerposen im Mutterleib zeigen. In den Unterweisungen für Hebammen des rheinhessischen Arztes Eucharius Rösslein nahmen die Kleinstwesen in der Gebärmutter Anfang des sechzehnten Jahrhunderts Puttengestalt an.

          Selbst in dem wegen seines Realismus von jeher als unerreichter Solitär gepriesenen Embryo des Leonardo da Vinci erkennt Hornuff noch den Gestaltungswillen seines Schöpfers. In der Schilderung Rudolf Steiners, der vergeblich versuchte, sich des Topos zu bemächtigen und sich als „Hochbegabter in Sachen Selbstmarketing“ sogar aufschwang, Leonardo als Embryonen-Ikonograph zu beerben, ist Hornuff eine köstliche historische Mini-Skizze gelungen. Und wer wusste, dass Steiner glaubte, Leonardo sei ihm persönlich erschienen?

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