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Daniel Heller-Roazen: Der Feind aller : Rechtlose auf den Weltmeeren

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Bild: S.Fischer

Von wegen Auslaufen und Einbuchten: Die Piraten sind als Bedrohung der Schifffahrt zurück. Daniel Heller-Roazen beschreibt ihre Rolle in der Rechtsgeschichte und gerät bei der Gegenwart ins Ungefähre.

          Die Piraten sind zurück, und die Wissenschaft gedenkt ihrer mit angenehmem Grauen. Mythische Erzählungen steigen auf, und sie verbinden sich mit der ambivalenten Fortschrittsgeschichte des Völkerrechts: Wo Räuber waren, sorgt nun das Seerecht für Ordnung. So jedenfalls hieß es einige befriedete Jahrzehnte lang, bis die Seefahrt wieder durch den Fluch der Meere eingeholt wurde. Daniel Heller-Roazen, Literaturprofessor in Princeton und vielgelobter Autor, hat eine Rechtsgeschichte der Piraten vorgelegt, in der sich tradierte Fakten mit naheliegenden Aktualisierungen verbinden.

          Heller-Roazen erzählt diese Geschichte in lesbarer Chronologie. Antike, Mittelalter und Frühe Neuzeit werden auf Vorfälle und normative Konzepte hin abgeklopft. Er berichtet von Freibeutern, Korsaren und Seekamelen, vom Ende der Kaperei durch die Pariser Deklaration von 1856. Sein Fokus liegt perspektivisch auf der Frage, wer wen als "Pirat" etikettiert und welche Konsequenzen sich daraus ergeben. Die politische Pointe dieser Untersuchung liegt, mancher ahnt es vielleicht schon, in der Frage der Exklusion: Welche dunklen Seiten haben politisch-juristische Definitionen und Integrationsprozesse, welche Ausgrenzungen sprechen sie aus?

          Der Pirat als Geächteter

          Denn dass der Pirat ein vielfach Geächteter unter den Geschöpfen dieser Erde ist, daran lassen Heller-Roazens Belegstücke keinen Zweifel. Bei Cicero erscheint er in einer legendären Stelle als "communis hostis omnium", als gemeinsamer Feind aller, oder - so eine frühneuzeitliche Formel - gar als Feind des Menschengeschlechts, "hostis generis humani". Gegen ihn gilt es sich zu verbünden, ihn musste man von den Küsten und Seestraßen fernhalten, verfolgen und zur Strecke bringen. Bis zu einer Seepolizei freilich ist der Weg noch lang, Auslaufen und Einbuchten ein frommer Wunsch, zumal auch die Piraten ausgeschlafene Bürschchen sind, die sich technisch zu helfen wissen.

          Heller-Roazens Geschichte gewinnt ihre Aktualität also aus der Wiederkehr einer Kriminalitätsform auf den Weltmeeren, die man noch vor einigen Jahrzehnten für erledigt hielt. Das Buch wäre insofern das Musterbeispiel für die Neuerzählung der Geschichte unter dem Vorzeichen einer unerwarteten Auferstehung. Als solche freilich überzeugt sie nur in Maßen, denn wirklich Neues fördert Heller-Roazen weder in Recht noch in Geschichte zutage. Seine Kompilation bedient sich vielmehr solide der bekannten Forschungen und fügte diese, manchmal sogar etwas hölzern, ins Genre eines Sachbuchs mit essayistischen Zügen.

          Piratengleiche Grenzüberschreitungen

          Interessanter dürfte Heller-Roazens theoretischer Punkt sein. Es ist das Philosophieren anhand des historischen Materials über die Figur des Anderen, des aus der Gemeinschaft Ausgeschlossenen: Der Pirat wird zum Paradigma. Hier entwickelt das Buch einen anderen, untergründigen Erzählstrang, für den der Agamben-Übersetzer Heller-Roazen die Piraten Vattels und Wolffs nicht nur mit Melville und Poe, sondern mit den Vordenkern des Ausnahmezustands und der juristisch organisierten Rechtlosigkeit zusammenbringt. Der Kunstgriff der Ausschließung beinhaltet die Selbstermächtigung zur Treulosigkeit, zum Wortbruch, kurz: zu weiteren piratengleichen Grenzüberschreitungen.

          Unverzichtbar Beleg hierfür ist die Steilvorlage der unrühmlichen Verteidiger der US-amerikanischen "verschärften Verhörtechniken". Sie beriefen sich in ihrer Rechtfertigung der rechtswidrigen Misshandlungen auf die Figur des Piraten als des Ausgeschlossenen aus jeder Rechtsgemeinschaft. So sprach es der Rechtsberater der amerikanischen Regierung, John Choon Yoo, bald nach dem 11. September aus und erinnerte an die "ungesetzlichen feindlichen Kombattanten", deren Verhalten durch keine Kategorie des Rechtssystems abgedeckt sei. Diese zweite Wiederkehr macht den politischen Reiz des Buches aus, denn sie lässt manche Geschichte der Verfolgung in einem zivilisatorischen Zwielicht erscheinen: Der Staat und seine Vordenker bemächtigen sich der Definitionshoheit übers Meer und erklären kurzerhand den Gegner für vogelfrei.

          Huldigung eines politischen Alarmismus

          Vier wiederkehrende Elemente der Definition hat Heller-Roazen in seiner Genealogie des Piraten ausgemacht: ein Gebiet, in dem rechtliche Ausnahmeregeln gelten; der Akteur wird als universeller Feind definiert; in seiner Verfolgung verwischen die Grenzen von Strafrecht und Politik; der Begriff des Krieges wandelt sich. So weit, so schlüssig. Das sei, so meint Heller-Roazen aber, "heute ein Gegenstand von erheblicher, sogar äußerster Bedeutung".

          Doch was bedeutet diese Gleichsetzung der Ausgeschlossenen einst und jetzt? Ist der Pirat wirklich eine Schlüsselfigur unseres Denkens? Die Exklusion aus der Rechtsgemeinschaft zeitigt, das ist so weit klar, erbarmungslose Konsequenzen. Die Parallelführung trägt, wo andere einem rechtlichen Ausnahmestatus unterworfen werden. Heller-Roazen behauptet eine grassierende Verbreitung und huldigt damit einem politischen Alarmismus. Wo genau die Figuren "universeller Feindschaft" juristisch praktiziert werden, möchte er nicht sagen, erst recht läge eine Analyse und Typologie jenseits der Ziele und Aufgaben des Buches. Diese Formel, oft eine kluge Selbstbeschränkung, überzeugt hier gerade nicht.

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