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Daniel Everett: Die größte Erfindung der Menschheit : Ist die Grammatik eine Sache der Kultur?

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Bild: Deutsche Verlags-Anstalt

Daniel Everett verficht seine These, dass die Verschiedenheit der Sprachen in unterschiedlichen Lebensformen wurzle - und übergeht dabei die Argumente seiner Kritiker.

          Bekannt geworden durch seine linguistischen Forschungen im Amazonas-Becken, präsentiert Daniel Everett in seinem neuen Buch die menschlichen Sprachen als Werkzeuge, die nur zu erklären sind, wenn man sie als kulturelle Produkte begreift. Auf den ersten Blick ist das keine Neuigkeit: Dass sich die Kultur, von der Religion bis zur Technik, im Wortschatz und in den Metaphern einer Sprache niederschlägt, liegt auf der Hand. Aber Everett geht weiter: Für ihn ist auch die Grammatik bis in die Details der Flexion und des Satzbaus hinein ein Produkt der Lebensumstände, der Werte und der Weltwahrnehmung einer Gesellschaft. Die großen strukturellen Unterschiede zwischen den Sprachsystemen spiegeln also die Verschiedenheit kultureller Welten.

          Damit stellt sich Everett gegen eine naturalistisch geprägte Auffassung von Sprache, wie sie von prominenten Linguisten wie Noam Chomsky und Stephen Pinker vertreten wird: Für sie ist Sprache im Kern kein gesellschaftlich geformtes Werkzeug, sondern ein neurobiologisch verankerter „Instinkt“, der bewirkt, dass Kindern in einer normalen sprachlichen Umgebung ihre Muttersprache von selbst zuwächst. Alle Sprachen beruhen danach auf derselben Universalgrammatik, quasi ein Lego-Kasten, der für jede Sprache denselben Bausatz bereithält. Nur welche Steine ausgewählt und wie sie zusammengesteckt werden, variiert in gewissen Grenzen. Die scheinbar enormen Unterschiede zwischen den Sprachen entpuppen sich in dieser Perspektive als oberflächliche Erscheinungen, Arabisch, Latein oder Deutsch schrumpfen zu Dialekten ein und derselben Welt-Sprache.

          Außerordentlich komplex und erstaunlich einfach

          Zwar leugnet auch Everett nicht, dass das Sprachvermögen im Gehirn verankert ist. Aber er sieht hier kein autonomes Sprachzentrum am Werk, sondern ein Bündel allgemeiner kognitiver Fertigkeiten, die unter anderem auch Sprache ermöglichen und die über ganz unterschiedliche Hirnregionen verteilt sind. Zu diesen Kompetenzen gehören das Erfassen von Kausalitäten, die Verarbeitung schneller Sequenzen, die Unterscheidung von Gestalten und Hintergründen und die Fähigkeit, sich in die Gedanken anderer zu versetzen. Eine entscheidende Rolle spielt für Everett die „Intentionalität“ - worunter er die Fähigkeit versteht, Zeichen zu verwenden, um sich mit ihnen auf etwas zu beziehen. So anregend Everetts Streifzüge durch die verschiedenen Gebiete der Sprach- und Kognitionsforschung sind - zu vieles bleibt unverbunden und zu stark an der Oberfläche. Zudem vernachlässigt er viele Besonderheiten des kindlichen Spracherwerbs, die mittlerweile ausgiebig erforscht sind.

          Die entscheidende Erkenntnisquelle, aus der sich Everetts antiuniversalistische Stoßrichtung speist, sind seine jahrzehntelangen Feldforschungen zur Sprache der Pirahã, eines wenige hundert Mitglieder zählenden Volkes an einem Nebenfluss des Amazonas. Ihnen widmete er sein vor drei Jahren auf Deutsch erschienenes Buch über „Das glücklichste Volk“. Everett war als evangelikaler Missionar zu den Pirahã gekommen. Seinen christlichen Glauben verlor er im Laufe der Zeit, aber er blieb als Linguist und wurde so zu einem der ganz wenigen Kenner dieser Sprache. Was sich ihm im Laufe der Jahre enthüllte, war eine Sprache, die zwar außerordentlich komplexe Wortstrukturen und Intonationsverläufe aufweist, die aber in anderer Hinsicht erstaunlich einfach ist und - aus dem Blickwinkel europäischer Sprachen - elementare Lücken aufweist.

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