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Daniel Coyle: Die Talent-Lüge : Es übt der Mensch, solang er strebt

  • -Aktualisiert am

Bild: Verlag

Daniel Coyle sieht die Welt als Leistungswettbewerb und bietet einsichtige Ratschläge für effektives Training. Auch Erkenntnisse der Hirnforschung werden eingestreut, um ihnen etwas wissenschaftlichen Glanz zu geben.

          2 Min.

          Dieses Buch könnte Ihr Leben verändern. So steht es jedenfalls auf der Rückseite von „Die Talent-Lüge“. Der Titel meint die Vorstellung, dass die Veranlagung einen besonders großen Einfluss beim Erlernen einer Fähigkeit hat. Das Buch will uns sagen, dass wir die relevanten Faktoren deutlich anders gewichten müssen. Die Talent-Lüge ist also mehr eine Übertreibung als eine echte Lüge. Und ob sich unser Leben wirklich verändert, muss sich erst noch zeigen.

          Über die Frage, was einen stärkeren Einfluss auf uns Menschen hat, Erbanlagen oder die Erziehung, stritten sich Leute schon immer gern. Der Autor Daniel Coyle vertritt die These, dass Begabung zwar notwendig ist, aber überschätzt wird. Wir brauchen in erster Linie viel Motivation und müssen zusätzlich auch noch viel Fleiß investieren, um welche Fähigkeit es sich auch handelt.

          Aus der Sicht des Sportreporters

          Daniel Coyle ist Sportreporter. Das hat sein Weltbild geprägt. Er sieht unser aller Leben als ein Gemenge von Wettbewerben, deren Ergebnis man auf einfachen Skalen bewerten kann. Deshalb geht es in dem Buch auch nicht um unsere subjektive Freude am – zum Beispiel – Klavierspiel, sondern darum, wie wir effizient lernen können, besser als andere zu spielen. Sobald jemand ins Profilager aufsteigt, macht das natürlich Sinn. Bei fast allen Fähigkeiten, mit denen sich Coyle befasst, etwa Tennis, Golf, Baseball, populäre oder klassische Musik, werden aber die meisten Leser wohl doch Amateure bleiben und auch gar nichts anderes anstreben.

          Coyle unterfüttert seinen Bericht mit Einsichten der Gehirnforschung. Wenn wir eine Fähigkeit erwerben, zum Beispiel einen bestimmten Gitarrenakkord zu spielen, dann werden die zuständigen Neuronen sehr, sehr langsam mit einem Stoff namens Myelin umhüllt und funktionieren immer besser. Myelin ist eine „phospholipide Biomembran“, sozusagen das sprichwörtliche Gehirnschmalz.

          Sturheit muss sein

          Im Prinzip lautet die Botschaft des Buchs: Um ein zweiter Michael Jackson zu werden, braucht es zunächst ein bisschen musikalische und tänzerische Begabung. Genauso wichtig sind aber auch Motivation und Durchhaltevermögen. Der endgültige Erfolg stellt sich nur langsam ein. Zugespitzt formuliert: Es liegt doch nur an den Genen, aber das wichtigste Gen ist das Gen für Sturheit.

          Coyle ist kein Wissenschaftler. Sein Buch ist eine Sammlung von Geschichten. Hier spricht der Gärtner der Baumschule, nicht der Botaniker. Der Autor erzählt von jungen Leuten, die irgendeine bestimmte Fähigkeit besonders effizient studiert haben und sie deshalb besonders gut beherrschen. Vierzehn Monate lang ist er auf der ganzen Welt herumgereist und hat sich erfolgreiche Kaderschmieden angeschaut. So war er zum Beispiel auch auf der karibischen Insel Curaçao, deren Baseball-Jugendmannschaft international enorm erfolgreich ist.

          Mit oder ohne Myelin

          Aus all diesen Erfahrungen hat er eine Anleitung zum effektiven Training destilliert. Seine Methode ist dreiteilig. Das erste Prinzip ist das „aktive Lernen“. Man zerlegt den Stoff in kleine Einheiten, trainiert diese immer wieder, und zwar – ganz wichtig – an der Grenze seiner jeweils erreichten Leistungsfähigkeit. Nur dann entstehe nämlich das Myelin: Man muss nur dran glauben. Die zweite Ingredienz ist die „Initialzündung“. Irgendwann muss der Knoten platzen, Motivation ist alles. Drittens hängt der Erfolg sehr von den Qualitäten des Lehrers oder Trainers ab. Coyle nennt ihn den Talentflüsterer. Die besonders guten Talentflüsterer, die Coyle auf seinen Reisen kennengelernt hat, waren erfahren, also nicht mehr ganz jung, zurückhaltend und gingen besonders individuell auf ihre Schüler ein.

          Das alles klingt sehr nach Binsenweisheiten. Da der Autor aber mit ihnen differenziert umgeht und dumme Schlagwörter vermeidet, muss man sich daran nicht sonderlich stören. Die Geschichte mit dem Myelin sollte man eher nicht so ernst nehmen. Sie dient bloß dazu, Erkenntnissen, die der Beobachtung und dem gesunden Menschenverstand entstammen, noch etwas wissenschaftlichen Glanz zu verleihen.

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