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Damien Tricoire: Mit Gott rechnen : Die Himmelskönigin bestimmt die Politik

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Bild: Verlag

Fürsten und Könige nahmen religiöse Weisungen als Handlungsmaxime an. Damien Tricoire macht deutlich, wie Frankreich, Bayern und Polen mit der Gottesmutter und ihrer Engelsarmee regierten.

          Man kann die Reformation als den Versuch begreifen, das römische Christentum in seiner Theologie und Frömmigkeit auf die Erfindung des Buchdruckes einzustellen und es institutionell in ein passendes Verhältnis zu den im fünfzehnten Jahrhundert erstarkten und selbstbewusst gewordenen fürstlichen und kommunalen Obrigkeiten zu bringen.

          Das Experiment scheiterte insofern, als nicht das römische Christentum Europas umgebaut wurde, sondern es zu protestantischen Ausgründungen kam. Die institutionelle Kohärenz der römischen Kirche war zu schwach, um sie im Ganzen zu verändern.

          Wandel der Frömmigkeit

          Deswegen hatte die katholische Kirche den von den Protestanten gerade durchlebten Anpassungsprozess um die Mitte des sechzehnten Jahrhunderts noch vor sich. Die Gründung des Jesuitenordens und das Tridentinum stehen für den Beginn der sogenannten katholischen Reform, in der das religiöse Mittelalter dann auch für die romtreuen Christen zu Ende ging.

          Damien Tricoire untersucht sie in seiner Studie vergleichend für Polen-Litauen, Bayern und Frankreich. Im Zentrum steht dabei am Beispiel des Marienpatronats die Neugestaltung des Verhältnisses von Politik und Religion, die Tricoire für einen fundamentalen Wandel der katholischen Frömmigkeit nimmt. Maria spielte für die Inszenierung fürstlicher und monarchischer Herrschaft in den drei Herrschaftsgebilden seit dem letzten Drittel des sechzehnten Jahrhunderts eine zunehmend wichtigere Rolle.

          Eine universale, Welt und Himmel verbindenden „Liebeshierarchie“

          Tricoire begreift die obrigkeitlich installierten Marienpatronate einerseits als Ausdruck eines neuen christlichen Universalismus, der die Herrscher zu Stellvertretern eines die Welt direkt regierenden Gottes werden ließ.

          Gleichzeitig ist Maria als Himmelskönigin mit ihrer Armee von Engeln und Heiligen Repräsentantin einer universalen, Welt und Himmel verbindenden „Liebeshierarchie“, die an die Stelle der spätmittelalterlichen Religion der Angst trat. Der Mensch durfte jetzt auf die von Maria vermittelte Gnade und Gunst des Himmels hoffen, sofern er sich bemühte, den Geboten Gottes zu folgen.

          Staatsräson als durchzusetzende Maxime

          Tricoires argumentative Hauptanstrengung ist auf den Nachweis gerichtet, dass dies von den monarchischen und fürstlichen Herrschern auch in dieser Weise geglaubt wurde. Ludwig XIII., Maximilian von Bayern und Kasimir von Polen-Litauen nahmen demnach die Gebote Gottes zum hauptsächlichen Maßstab ihres politischen Handelns nach innen wie nach außen.

          Die als abstraktes Konzept gegen Ende des sechzehnten Jahrhunderts formulierte Staatsräson wurde von den drei Herrschern als Auftrag verstanden, die göttliche Ordnung sowohl innerhalb ihres jeweiligen Herrschaftsgebietes wie auch im Verhältnis der europäischen Mächte untereinander durchzusetzen.

          Gegen eine Vereinfachung des Säkularisierungsarguments

          Erfolge dabei deuteten sie als Gottes wohlwollendes Einverständnis, Misserfolge als Abwendung des Allerhöchsten von ihren Plänen. Sie „rechneten“ in ihrer Politik mit Gott, wie Tricoire schreibt, auch wenn sie die institutionelle Selbständigkeit der Kirche akzeptierten und sich in dogmatische Fragen nicht mehr einmischten. Tricoires Thesen sind zum Teil gegen die Konfessionalisierungsforschung und ihre Tendenz gerichtet, die konfessionelle Verkirchlichung als bloßen Effekt der Staatsbildung zu verstehen.

          Sie richten sich aber auch gegen eine zu einfache Vorstellung von Säkularisierung, indem er betont, dass Religion und Politik eine dynamische Verbindung noch im siebzehnten Jahrhundert eingehen und das Handeln europäischer Herrscher bestimmen konnten. Tricoire kann dieses Argument formulieren, weil er die Felder des Politischen stark einschränkt. Bei einer genaueren Analyse politischer Entscheidungspraxis wären Differenzierungsprozesse und die Friktionen zwischen Religion und Politik viel deutlicher geworden. Das größere Problem der Studie liegt allerdings in ihrer Methode.

          Soziale Handlungsfelder unterscheiden sich nicht, weil Namensschilder an ihnen angebracht sind. Für die Unterschiedlichkeit ihrer Rationalität, die in jedem Einzelereignis durchgehalten und reproduziert werden muss, interessiert sich Tricoire aber nicht. Er nimmt seinen Standpunkt für den der Zeit und gibt sich wenig Mühe, den Unterscheidungen, mit denen die Zeitgenossen beobachteten, auf die Spur zu kommen. So bleibt die These interessant, aber die Methode, die sie trägt, ist tönern.

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