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: Dabei sein ist alles

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Das Buch der Münsteraner Historikerin Barbara Stollberg-Rilinger hat einen erstaunlich lockeren Titel, der es aber nicht hindern wird, schnell zu einem Standardwerk der modernen Verfassungsgeschichte zu werden. Er lässt den Leser hintersinnig das Märchen von des Kaisers neuen Kleidern assoziieren: ...

          Das Buch der Münsteraner Historikerin Barbara Stollberg-Rilinger hat einen erstaunlich lockeren Titel, der es aber nicht hindern wird, schnell zu einem Standardwerk der modernen Verfassungsgeschichte zu werden. Er lässt den Leser hintersinnig das Märchen von des Kaisers neuen Kleidern assoziieren: In Andersens Spottstunde steht der Kaiser am Ende ohne Ansehen dar, weil er auf Betrüger hereingefallen ist; sie versprachen dem Herrscher Einsicht durch die Probe der Sinnlichkeit. Erst die Stimme eines unschuldigen Kindes spricht die nackte Wahrheit aus.

          Andersens Märchen verweist auf einen Verblendungszusammenhang, in dem die Einsicht vom Ansehen entkoppelt ist. Es wird der Vormoderne zugeschrieben und ist antihöfisch und antimonarchisch gedacht. Man kann es somit als antizeremonielles Stück lesen, und es wäre eine typische Sicht des neunzehnten Jahrhunderts auf jene Sinnlichkeit, die die Vormoderne zuhauf produzierte. Standen dort Strategien der Sichtbarkeit hoch im Kurs, so schüttete die bürgerliche moderne Kritik Unverständnis und Spott darüber aus. Von Symbolen, Ritualen und Zeremonien hielt sie nicht viel, und die ältere Verfassungsgeschichte duplizierte dieses Unverständnis.

          Die Kleider des Kaisers

          Das hat die moderne, interdisziplinär arbeitende Forschung sattsam überwunden, und Stollberg-Rilinger gehört in die erste Reihe jener, die die Festung sturmreif geschossen haben. Auf diesen Trümmern errichtet sie nun ein neues Gebäude, das die bleibenden Verdienste der älteren, juristisch-normativ geprägten Verfassungsgeschichte zusammenführt mit Einsichten der Kultursoziologie. Das hat sie jahrelang mit bedeutenden Aufsätzen vorbereitet, die aus dem Münsteraner Sonderforschungsbereich "Symbolische Kommunikation und gesellschaftliche Wertesysteme" hervorgegangen sind. Ihre reife Frucht ist dieses eindrucksvolle Buch, dessen Klarheit, Präzision und Originalität keinen Zweifel daran lassen, dass dieser große Wurf das Fach endgültig ins 21. Jahrhundert katapultiert.

          Stollberg-Rilingers programmatischer Titel meint freilich etwa anderes als eine Geißelung zeremonieller Verblendungszusammenhänge im Sinne Andersens. Der gemeinsame Nenner endet bei den reichen Fiktionen, deren die Politik der Vormoderne zweifellos bedurfte und auf die sie sich sinnlich stützte. Traditionen wie die angeblich alten Kleider des Kaisers wurden allenthalben mobilisiert und inszeniert. Ihre Verfassungsgeschichte wiederholt jedoch den Andersenschen Vorwurf der Lüge oder Täuschung an die Akteure; wo Stollberg-Rilinger die gemeinsam geglaubten Fiktionen in ihrer Wirkungsweise soziologisch und verfassungsrechtlich analysiert, geht es ihr um öffentliches Auftreten und seine performative Wirkung.

          Diese Idee wird in vorbildlich transparenter Weise in Einleitung und Epilog des Buches entfaltet. Sie besagt, dass die Verfassung des Alten Reiches in der Teilnahme an seinen öffentlichen, symbolisch-rituellen Akten, den Solennitäten, gründete. Dabei sein war alles, denn wer dabei war, signalisierte Zustimmung, er bekräftigte, dass er sich auch künftig an die normative Ordnung halten würde: "Anwesenheit bedeutete Akzeptanz" - alle Gefahren inbegriffen.

          Umgekehrt musste daher, wer nicht oder nur bedingt zustimmen wollte, seinen Protest durch glattes Fernbleiben oder abgemilderte kommunikative Strategien demonstrativ zum Ausdruck bringen. Das verlieh Zeremoniell, Symbolen, Ritualen, Gesten und Verfahren eine konstitutive Bedeutung und verkomplizierte sie zugleich ungeheuer. Hier tradierte sich ein gutes Stück Mittelalter: Es herrschte eine politische Kultur der Präsenz, die der Schriftlichkeit nur einen verminderten Rang zuwies. "Verfassung" war nicht das, was abstrakt in einem gedruckten, veröffentlichten Text stand und von einem Gesetzgeber erlassen wurde (so aber unser Verständnis seit 1789), sondern ein Geflecht aus personalen Beziehungen, das immer wieder aufs Neue bekräftigt werden musste.

          Dieser kollektive Glaube hielt die Formen ebenso für unverfügbar, wie er sie gleichzeitig kritisierte und zu modifizieren suchte. Diese durchaus paradox zu nennende Symbolfixierung hielt das System gewissermaßen am Leben. Die politischen Akteure - Kaiser, Stände, Gesandte - beschäftigten sich unablässig mit äußerlichen Details, weil diese der eigentliche Code des Gemeinwesens waren, und sie brachten einen spezifischen Rechtsbegriff hervor. Seine Normativität müsste freilich noch genauer untersucht werden. Was ihnen aus heutiger Sicht scheinbar an Exaktheit in den staatstheoretischen Begriffen fehlte, das fanden sie in den konkreten Formen. Weil wir zu lange das eine nicht verstanden haben, so Stollberg-Rilinger, kritisierten wir das Fehlen des anderen umso schärfer. Beides missachtete das genuin Vormoderne dieses Systems.

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