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: Da fällt dem Gedächtnisforscher der Seehase wieder ein

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Sich selbst als einen radikalen Reduktionisten zu bezeichnen in einer Epoche der Lebenswissenschaften, in welcher mit Begriffen wie Systembiologie eine neue Ganzheitlichkeit aufzublühen scheint, wirkt auf den ersten Blick furchtbar anachronistisch. Nach Eric Kandel aber ist genau das der einzige Weg, aus der stagnierenden Psychoanalyse Freuds endlich eine empirische Wissenschaft zu machen.

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          Sich selbst als einen radikalen Reduktionisten zu bezeichnen in einer Epoche der Lebenswissenschaften, in welcher mit Begriffen wie Systembiologie eine neue Ganzheitlichkeit aufzublühen scheint, wirkt auf den ersten Blick furchtbar anachronistisch. Nach Eric Kandel aber ist genau das der einzige Weg, aus der stagnierenden Psychoanalyse Freuds endlich eine empirische Wissenschaft zu machen. Es geht um viel: Um unser Bewußtsein, den freien Willen, um die geistige Gesundheit, kurz: um die Lösung geistesgeschichtlich sehr alter und biologisch zugleich doch extrem junger existentieller Fragen.

          Zu ihrer Lösung kann sich nach Auffassung Kandels ausschließlich eine Wissenschaftsrichtung berufen fühlen, die sich vollkommen den scheinbar unüberschaubaren materiellen Gegebenheiten verschreibt. Hirnscans von Psychiatriepatienten, Manipulationen des Bewußtseins, Pillen zum Aufputschen der Gedächtnisgene - das sind für Kandel die Mittel, um am Ende auch die Rätsel der Freudschen Strukturen des Geistes (Ich, Es und Über-Ich) zu entziffern und zu therapieren. Diese Mittel sind von einer beispiellosen Direktheit. Verstecken zwecklos, die Seele wird in jeder Ecke aufgestöbert.

          Vordergründig gesehen könnte man diesen Lebensbericht eines Hirnforschers also als eine der vielen Streitschriften lesen, die der Konflikt der philosophisch und humanistisch stark geprägten analytischen Psychologie mit einer in den Jahren immer stärker biologisch und experimentell orientierten kognitiven Psychologie hervorgebracht hat. Kandel aber hatte sich aus diesen akademischen Gefechten stets vornehm zurückgehalten. Jetzt, fünf Jahre nach der Verleihung des Medizin-Nobelpreises an ihn und zwei seiner Kollegen, wissen wir, weshalb: Im Grunde seines Herzens ist Kandel ein Bewunderer Freuds, der in einer Zeit, in welcher die Wissenschaft nichts über chemische Synapsen oder elektrische Nervennetze wußte, Spuren des geistigen Lebens aufgezeichnet hatte, welche die Hirnforschung jetzt mit molekularen und bildgebenden Verfahren zu entschlüsseln sich anschickt.

          Der gebürtige Österreicher Eric Kandel sieht sich wie Sigmund Freud als Teil des Wiener Bürgertums, humanistisch geprägt und hochgebildet, ein jüdischer Emigrantensohn, der sein akademisches und privates Glück in den Nachkriegsjahren in Nordamerika gefunden hat. Kandel nutzt hier seine an Erfahrungen und an Lebensjahren so reiche Autobiographie dazu, den Weg der modernen Hirnforschung nach dem Zweiten Weltkrieg nachzuzeichnen. Seine Kindheit in Wien, die Emigration, seine Ausbildung in einer amerikanischen psychiatrischen Klinik, schließlich seine Hinwendung zur reduktionistischen Experimentforschung unter der Maxime "eine Zelle zur Zeit" sind ein sprechendes Beispiel, wie die Biologie nach dem Zweiten Weltkrieg der Entdeckung der menschlichen Psyche eine radikale Wendung gegeben hat.

          Eine Wende freilich, davon ist Kandel überzeugt, die prominent vorausgeahnt wurde. Immanuel Kant, sein wichtigster Kronzeuge, wenn es um die stofflichen und damit auch genetischen Wurzeln unserer neuronalen Anatomie geht, hatte mit seiner Vermutung einer "apriorischen" Erkenntnis endgültig den Kampf gegen Lockes Vorstellung von der tabula rasa des Geistes gewonnen. In der Architektur und den a priori angelegten Funktionsprinzipien des Gehirns vermuteten Kandels Lehrer Kant und bald er selbst die Geheimnisse des Geistes - zumindest die des Gedächtnisses und des Lernens.

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