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Corpus Iuris Civilis V. Text und Übersetzung : Die Digesten sind zum Erben schön

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Bild: C.F. Müller Verlag

Handwerkszeug von Juristen seit mehr als eineinhalb Jahrtausenden: Auch im Erbrecht schuf der Corpus Iuris Civilis die entscheidenden Grundlagen. Er ist ein Muster widerspruchsfreier gedanklicher Klarheit.

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          Das Recht von Heute ruht nicht im Corpus Iuris, noch in der Wissenschaft, noch in den Gewohnheiten der Nation, sondern in den Falten des Mantels unserer Gesetzgeber“, schrieb der große Jurist Rudolf Sohm 1880, und er kränkte damit neben den Rechtsdogmatikern (“Wissenschaft“) und den juristischen Germanisten (“Gewohnheiten der Nation“) auch seine eigene Zunft, die Romanisten, die nach wie vor aus der Textmasse des am 30. Dezember 533 nach Christus in Kraft gesetzten römischen Rechts das „heute geltende“ Privatrecht destillierten.

          In der Tat erhob sich damals neben dem gelehrten Recht und neben der Rechtsprechung, die nicht nur Fälle entschied, sondern auf ihre langsame Weise sie auch zu Normen verdichtete, der Gesetzgeber als der neue Herrscher der Rechtswelt. Er bestimmte vor allem im Reichstag, wie die Rechtsordnung aussehen sollte. Er schuf die Sozialversicherung, für die es kein Vorbild im römischen Recht gab, er entwickelte das Gewerbe- und Industrierecht, das moderne Arbeitsrecht und das Gesellschaftsrecht. Als schließlich 1900 das Bürgerliche Gesetzbuch in Kraft getreten war, befreite sich die Romanistik schrittweise aus ihrer dienenden Rolle für das geltende Recht.

          Sie widmete sich als historisches Fach der antiken, mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Geistesgeschichte - mit glänzenden Ergebnissen. Diese Phase endete aber gewaltsam 1933. Der Nationalsozialismus hatte das römische Recht schon in seinem Parteiprogramm von 1920 geächtet. Nun folgte die Vertreibung der wichtigsten Römischrechtler.

          Akribische Arbeit seit 1985

          In der Nachkriegszeit erholte sich das Fach langsam wieder und fand internationalen Anschluss. Es gab neue Forschungsrichtungen, so die Spurensuche nach dem im Westen während der Völkerwanderung untergegangenen römischen Recht, die verstärkte Bemühung um das mittelalterliche und frühneuzeitliche gemeine Recht, verbunden mit europäisch vergleichenden Studien. Das Zentralgestirn dieser Arbeiten war immer noch der große Block der Digesten, jener fünfzig Bücher, die eine systematisierte Zitatensammlung aus Juristenschriften bildeten. Aber der Brückenschlag zur heutigen Leserschaft wurde immer schwieriger.

          Man brauchte eine neue Übersetzung ins heutige Deutsch. Auch Juristen mit Grundkenntnissen des Lateins sind nicht mehr in der Lage, den Urtext zu lesen. Eine Gruppe von Rechtshistorikern (Okko Behrends, Rolf Knütel, Berthold Kupisch, Hans Hermann Seiler), unterstützt von vielen anderen, finanziell getragen von der Alfried Krupp von Bohlen und Halbach-Stiftung, nahm sich deshalb dieser Aufgabe an. Man begann 1985 mit dem Lehrbuch der „Institutionen“. Auf ihm, so Manfred Fuhrmann, „ruht alle Systematik der Rechtswissenschaft von den Römern bis heute und weit über Europa hinaus“ (F.A.Z. vom 4. September 1990). Dann folgten Stück für Stück das gewaltige Gebirge der Digesten selbst, Buch 1 bis 10 (1995), 11 bis 20 (1999), 21 bis 27 (2005), mit größter Sorgfalt übersetzt und auf dem heutigen Forschungsstand sparsam kommentiert sowie zweisprachig parallel gedruckt.

          Ein Gedränge von wahren und falschen Erben

          Nun liegen die Bücher 28 bis 34 vor, „die Hauptmasse des testamentarischen Erbrechts“ (Vorwort). Das mag auf den ersten Blick wenig reizvoll klingen, aber recht verstanden öffnet sich hinter den peniblen Unterscheidungen der maßgeblichen Regeln die gesamte soziale Welt des damaligen Mittelmeerraums. Ständig wurde vererbt und geerbt. Die Lebenserwartung von Erwachsenen betrug etwa fünfundvierzig Jahre, mit erheblichen Unterschieden zwischen Oben und Unten, Freien und Sklaven. Permanente Kriege zwangen die Herrscher seit Cäsar zu Ausnahmen von den strengen Formvoraussetzungen bei Soldatentestamenten.

          Diese pulsierende Welt, in der es riesige Vermögen, Landbesitz, Bankgeschäfte, Warenspekulation, aber auch Transaktionen über Strohmänner oder Sklaven gab, brauchte ein differenziertes, aber auch festes Regelwerk, damit beim Erbfall alle zu ihrem Recht kamen. Wenn ein Wohlhabender verstarb, drängelten sich die wahren und die falschen Erben, eheliche und nichteheliche Kinder samt Vormündern, Frauen und Nebenfrauen, Freigelassene und auf Freilassung hoffende Sklaven, vor allem aber auch die Gläubiger, eventuell auch die Kameraden des Soldaten, der ihnen kurz vor der Schlacht oder der Gefangennahme noch formlos etwas versprochen hatte.

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