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Fang Fangs „Wuhan Diary“ : Wollt ihr ernsthaft, dass wir alle durchdrehen?

Erholung von den strikten Quarantäne-Maßnahmen: Am Ufer des Jangtse in Wuhan Mitte April dieses Jahres Bild: AP

Wegen ihrer im Netz veröffentlichten Aufzeichnungen über die Pandemie in Wuhan ist sie ins Visier der chinesischen Behörden geraten. Nun erscheint Fang Fangs Tagebuch auch auf Deutsch.

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          Acht Tage nach der Abriegelung von Wuhan wendet sich die Schriftstellerin Fang Fang in einem Appell an ihre Kollegen: „Bestimmt werdet ihr, wenn alles vorüber ist, dazu aufgefordert, lobpreisende Essays und Gedichte zu verfassen. Doch ich bitte euch, nehmt euch Zeit, um euch darüber klarzuwerden, wen ihr preisen wollt.“ Als erfahrene Romanautorin kennt Fang Fang die Mechanismen des chinesischen Zensur- und Propagandabetriebs. Trotzdem hat die Wuhanerin wohl nicht damit gerechnet, dass ihr eigenes, täglich im Internet veröffentlichtes Tagebuch aus dem Epizentrum der Seuche sie später zum Ziel einer staatlich geförderten Hetzkampagne machen würde. Dabei ist das „Wuhan Diary“ nicht einmal übermäßig kritisch. Doch allein die hohe Zahl der Leser, die ihre täglichen Aufzeichnungen im Netz verfolgten, an manchen Tagen waren es Millionen, machten das Tagebuch zu einer wirkmächtigen Gegenerzählung zur Staatspropaganda. Heute erscheint es als Buch auf Deutsch und in etlichen anderen Sprachen. In den Augen der chinesischen Nationalisten macht das seine Autorin zur Nestbeschmutzerin.

          Friederike Böge

          Politische Korrespondentin für Ostasien.

          76 Tage dauerte die Abriegelung von Wuhan. Fang Fang dokumentiert diese Zeit aus der Perspektive einer Eingeschlossenen, die ihre Wohnung nur selten verlässt. Ihre Informationen erhält sie von befreundeten Ärzten, Polizisten, Schriftstellern, von ihrer Familie und oft auch einfach aus dem Internet. Sie erhebt nicht den Anspruch, Wahrheiten zu enthüllen, sondern kommentiert und reflektiert einfach nur das, was sie zu Ohren und zu Gesicht bekommt. Fast jedes ihrer Kapitel beginnt mit dem Wetter, weil es das Einzige ist, das sie von der Welt jenseits ihres Wohnzimmerfensters direkt wahrnehmen kann.

          Fang Fang: „Wuhan Diary“. Tagebuch aus einer gesperrten Stadt.

          Ein Motiv zieht sich wie ein roter Faden durch das Buch: die Forderung, dass diejenigen, die die Gefährlichkeit des neuartigen Coronavirus drei Wochen lang vertuscht haben, zur Rechenschaft gezogen werden müssten. Zugleich kommt Fang Fang zu dem Schluss, dass es sich nicht allein um persönliches Versagen einzelner Funktionäre handelt, sondern um die Mechanismen des chinesischen Herrschaftssystems. Sie zählt auf: die Neigung der Beamten, negative Nachrichten zu unterdrücken; das leere, politisch korrekte Geschwätz; die Verhinderung, dass die Medien den wahren Sachverhalt berichten. Viele Wuhaner teilten damals ihre Kritik, als nach und nach enthüllt wurde, wie systematisch die Kader die Wahrheit unterdrückt hatten. „Hört man sich um, kommt erst jetzt vielen Leuten zu Bewusstsein, dass es nichts bringt, Tag für Tag nur die Stärke unserer Nation zu bejubeln, und dass Kader, die nur in politischen Schulungen herumsitzen, aber unfähig sind, konkrete Arbeit zu leisten, völlig nutzlos sind“, schreibt Fang Fang.

          Beherzte Entscheidungen

          An anderer Stelle findet die Autorin aber durchaus lobende Worte für die Anstrengungen dieser Kader: für die Parteimitglieder, die in die Haushalte geschickt werden, um den Gesundheitszustand der Bürger zu dokumentieren; für die Polizisten, die trotz der Gefahr einer Ansteckung Kranke auf ihrem Rücken die Treppe hinuntertragen; für das Militär, das die Seuchenbekämpfung generalstabsmäßig organisiert, und für die neu eingesetzte Parteiführung von Wuhan, die im Februar mit beherzten Entscheidungen die Lage unter Kontrolle bringt.

          Das Normalmaß, mit dem sie die Fehler und die Erfolge der handelnden Personen bewertet, hebt sich wohltuend ab von der chinesischen Heldenpropaganda, aber auch von manchen Kritikern im Ausland, die den Verantwortlichen nicht zugestehen, dass vieles nicht vom ersten Tag an so eindeutig war, wie es im Nachhinein erscheint.

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