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Fang Fangs „Wuhan Diary“ : Wollt ihr ernsthaft, dass wir alle durchdrehen?

Eine schicksalhafte Angelegenheit

Fang Fang erinnert daran, dass am 31. Dezember halb Wuhan die warnenden Nachrichten des Augenarztes Li Wenliang gelesen hat, der dafür später von der Polizei abgestraft wurde. Warum, so fragt sie sich selbst, ergriff sie dennoch keine Vorsichtsmaßnahmen? Die Antwort ist bezeichnend: „Wir hätten nie geglaubt, dass es die Führung der Provinzregierung von Hubei wagen würde, sich in einer so schicksalhaften Angelegenheit derart achtlos und verantwortungslos zu verhalten.“ Ihr Vertrauen in die chinesische Zentralregierung scheint sogar noch auf dem Höhepunkt der Krise ungebrochen. „Jedermann weiß, dass in China sämtliche Kräfte mobilisiert werden, wenn der Staat auf nationaler Ebene die Sache in die Hand nimmt“, schreibt sie. Mit solchen Passagen gibt das „Wuhan Diary“ Einblicke in das Verhältnis zwischen dem autoritären Staat und seinen Bürgern, das komplizierter ist als häufig angenommen.

Das gilt auch für die Zensur in China. „Liebe Netzzensoren“, schreibt Fang Fang an einer Stelle. „Gewisse Dinge anzusprechen, müsst ihr den Wuhanern gestatten. Das schafft ihnen etwas Erleichterung. Wollt ihr ernsthaft, dass wir alle durchdrehen, weil ihr uns verbietet, unseren Kummer loszuwerden?“ Das dürfte durchaus ein ernstgemeinter Appell sein. Auch die Zensoren waren darauf bedacht, dass der Druck aus dem Kessel entweichen konnte.

Moderate Gesellschaftskritik

Jetzt aber, da das Schlimmste überstanden ist, haben sie die Zügel wieder angezogen. Erst recht, seit China wegen der Vertuschung des Ausbruchs international auf der Anklagebank sitzt. Auf einmal heißt es, Fang Fang und ihre Unterstützer hätten „pervertierte Werte und verkrümmte Seelen“, wie ein führender Wissenschaftler in einer Vorlesung verkündete, die dann von Parteimedien verbreitet wurde. Das „Wuhan Diary“ ist damit auch ein Dokument für die jedem Intellekt Hohn sprechende Verengung dessen, was im heutige China noch gesagt werden darf.

Die 65 Jahre alte Schriftstellerin, die mit bürgerlichem Namen Wang Fang heißt, ist in China keine Unbekannte. Sie wurde 2010 mit dem renommierten Lu-Xun-Literaturpreis ausgezeichnet. In vielen ihrer Werke beschreibt sie das Leben einfacher Leute und übt moderate Gesellschaftskritik. Das hat sie auch schon früher zum Ziel von Angriffen gemacht.

Hurra der Propaganda

Das Bedrückendste an ihrem neuen Buch ist der Mangel an Menschlichkeit des Machtapparats im Angesicht der Katastrophe. Die freiwilligen Helfer können nicht einfach nur helfen, sie müssen „Fähnchen schwenken“, wie Fang Fang spitz bemerkt. An anderer Stelle berichtet sie über ein Interview, das sie einer Parteizeitung gibt. Ihr Hinweis, dass die Angehörigen der Toten „den Trost und die Fürsorge des Staates“ brauchten, wird vor der Veröffentlichung gestrichen. Nach dem Ende der Epidemie, schreibt Fang Fang, werde es notwendig sein, für mehr humanistische Erziehung einzutreten.

Dem Hurra der Propaganda stellt sie selbst nüchterne Betrachtungen über die Menschen in ihrem Umfeld gegenüber: Ärzte, die über den Nutzen von traditioneller chinesischer Medizin streiten, ein Straßenfeger, der trotz der abgesperrten Straßen tagtäglich seiner Arbeit nachgeht; Beamte, die sich Gedanken darüber machen, wie die Mobiltelefone der Verstorbenen für die Angehörigen als Erinnerungsstücke erhalten werden können; und nicht zuletzt ein Arzt, der sich quälend fragt, wie es zu dem „kollektiven Schweigen“ kommen konnte, obwohl so viele Mediziner wussten, dass etwas im Gange war. Darauf eine bündige Antwort zu geben, maßt sich Fang Fang nicht an.

Fang Fang: „Wuhan Diary“. Tagebuch aus einer gesperrten Stadt. Aus dem Chinesischen von Michael Kahn-Ackermann. Hoffmann und Campe Verlag, Hamburg 2020. 349 S., geb., 25,– €.

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