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Cornelia Vismann: Das Recht und seine Mittel : Durch die Akten führt der Weg des Rechts

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Staatsgeschichte und Durchstreichtechniken

Die Anordnung der Aufsätze zu vier Gruppen folgt klugerweise nicht der Chronologie ihrer Entstehung, und dennoch kann man mit Hilfe des Bandes eine intellektuelle Biografie nachzeichnen. Er enthält frühe Stücke, in denen sich Neigungen Vismanns abbilden, die interessanterweise nicht Eingang in ihre Medientheorie des Rechts fanden. Dort liest man kluge Beobachtungen über die frühneuzeitliche Technik und Ethik des Regierens und Verwaltens.

Besonders lesenswerte Aufsätze ranken sich thematisch um ihre beiden Monografien „Akten. Medientechnik und Recht“ (2001) sowie „Medien der Rechtsprechung“ (2011). Die vielleicht stärksten Texte versammelt die zweite Gruppe des Bandes, „Verwaltungen: Nach den Akten“. Es sind Aufsätze, die so kunstvoll und eindringlich mit der Ästhetik, Technik und Logik der Verwaltungsarbeit umgehen, dass sie als Vorbilder jeder wissenschaftlichen Essayistik dienen können.

Karteikarten, Postleitzahlenbücher und auch ein Schienenreißwolf kommen in einer wunderbaren Miniaturerzählung über die Arbeit auf dem Papier, die die Bürokratie im Kern ist, vor. In ihr geht es um den Wandel des politischen Geheimnisses, um die Erzählbarkeit der Staatsgeschichte und Durchstreichtechniken. Nebenbei erfährt man, wie das Rautenzeichen aus dem kreuzweisen Durchstreichen der mittelalterlichen Kanzleipraxis über die IBM-Lochkarten von 1928 bis auf die moderne Computertastatur gelangte.

„Aus den Akten, aus der Welt“

Doch Vismanns Interesse galt seit jeher nicht nur den Genealogien der in der Ent-stehung des modernen Verwaltungsstaates erfolgreichen Techniken. Mindestens ebenso viel Faszination erwecken ihre Analysen des Scheiterns und der Paradoxien von Innovationen. Das Schicksal der Papierakten bewegte im Osten die Stasi-Opfer und im Westen jene Untersuchungsausschüsse, die sich mit den fehlenden Kanzleramtsakten der Ära Kohl herumschlugen. Vismann interessiert ihre Leser für Kategorien wie das „Privatdienstliche“ und die Verteidigungsstrategien der Aktenvernichter, die juristisch eine individuelle und totale Verfügung über ihre Akten begehrten. Sie wollten sie aus der Welt schaffen.

“Löschung“ aber bedeutet Verschiedenes - je nachdem, ob es sich um Papier oder Dateien handelt. In letzterem Fall muss wiederum zwischen dem Salvage-Modus (“Delete“-Taste) und dem Purge-Modus unterschieden werden. Nur dieses Purgatorium entfacht ein virtuelles Fegefeuer, das die Information unwiederbringlich löscht. Bürokratischer wie religiöser Kontext konvergieren hier. Vismann wendet die Aussicht auf Löschung ins Theologische: „,Aus den Akten, aus der Welt’ enthält auch ein Versprechen der Rettung, wie unerfüllbar es am Ende auch sein mag.“

Die Grenzen des Verstehens

Der Sinn für hintergründige Pointen, der aus diesen melancholischen Sätzen spricht, war bei Vismann gepaart mit einem Interesse an der Geschichte des Rechts, für das sie Neuland betrat. Sie zeigte praktisch und unterfütterte theoretisch, dass der Ausdruck „Kulturtechniken“ in die Irre leitete, da ja doch jede Verrichtung zur Kultur führt und es demnach keine kulturlosen Techniken gibt, sondern nur die Möglichkeit einer techniklosen Welt, „über die ein Wort zu verlieren unmöglich ist, ohne nicht selbst schon wieder eine Kulturtechnik verwendet zu haben: die der Benennung aller Dinge, die daraus überhaupt erst handhabbare und damit auch erforschbare Sachen macht.“

Auch die kommunikativen Akte vor Gericht sind insofern sprachbasiert und stumm zugleich, weil bestimmte, ihnen zugrunde liegende Regeln nicht notwendig mitgesagt werden. Das Verstehen des Verfahrens stößt an Grenzen, wo dem Laien das Prozessrecht verborgen bleibt. Auch Johann Peter Hebels Rechtsuchender gerät in eine solche Verfahrenssituation und von Hebels Pointe berichtet Vismann in ihrem zweiten Rekurs auf „Prozess ohne Gesetz“. Mit seinem Anwalt gewinnt der Mann den Prozess, nachdem er die störende Seite aus dem Gesetzbuch gerissen hatte. Denn die Gegenseite war nicht zum Termin erschienen, in der Folge ergeht ein „VU“, wie Vismann im Beitrag über „Versäumnisurteile und andere Unverständlichkeiten“ nachträgt - und dieses schert sich nicht um den missliebigen Paragraphen.

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