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Cornelia Stolze: Vergiss Alzheimer : Präzision ist keine ärztliche Tugend

  • -Aktualisiert am

Bild: Verlag

Etwas zu lange schwarze Listen: Cornelia Stolze versucht sich an der Wahrheit über die Alzheimererkrankung.

          4 Min.

          Allein der Begriff „Alzheimer“ erzielt in Suchmaschinen rund 85 Millionen Treffer. Nur vor einem Tumor haben die Menschen noch mehr Angst. In Deutschland leben inzwischen mehr als 1,3 Millionen Alzheimerkranke und ihre wachsende Zahl bedroht unser Sozialsystem. Geht es nach der Biologin und Journalistin Cornelia Stolze, so enthält dieses bedrohliche Szenario mehr Desinformation als Aufklärung. Schuld daran sei ein Kartell aus medizinischen Experten, der Pharmaindustrie und Medizingeräteherstellern, die daran sowohl wissenschaftliche Anerkennung als auch Geld verdienen möchten, flankiert von willigen PR-Leuten und korrumpierten Selbsthilfegruppen.

          Zweifelsohne legt die Autorin den Finger zu Recht in viele Wunden, was Diagnose und Therapie der Erkrankung Alzheimer betrifft. So wirft allein schon die Definition Fragen auf. Denn ob die Eiweißablagerungen im Gehirn Ursache oder Folge des geistigen Abbaus sind, ist letztlich nicht geklärt. „Alzheimerplaques“ finden sich auch bei denen, die nicht verwirrt sind und deren Gedächtnis intakt ist. Zudem gibt es zahlreiche Formen von Demenz, die nicht leicht auseinander zu halten sind. Selbst jene Kriterien, anhand derer man überhaupt eine Demenz von anderen Hirnerkrankungen abgrenzen soll, sind mitunter wenig griffig. „Unspezifisch“ heißt das im Fachjargon.

          Die Verquickungen mit der Industrie

          Stolze macht klar, warum Methoden der Früherkennung - mittels Nachweis von Biomarkern im Blut oder Gehirnbildern - das Attribut „präzise“ nicht verdienen. Der Leser lernt verstehen, wie sich dieser Mangel an Präzision kombiniert mit einem Mangel an Kompetenz dennoch zu Geld machen lässt. So verspricht etwa der „BrainCheck Precision Plus“ am privatärztlich organisierten Medizinischen Präventions Centrum Hamburg (MPCH) „Klarheit“ zu schaffen. Dessen Direktor besitzt allerdings keine einschlägige Ausbildung als Psychiater oder Neurologe, wie Stolze herausfand. Sie zeigt auf, wie sich mittels finanzieller und personeller Verquickungen des MPCH mit dem Hamburger Universitätsklinikum in Eppendorf die Reputation der einen und die ökonomischen Vorteile der anderen wechselseitig befruchten.

          Gleichfalls dürftig sind die Erfolge der „Antidementiva“, Substanzen, die die Hirnleistung verbessern sollen. Erhellend für das Verständnis von Medikamentenkarrieren ist das Beispiel Memantin. Das Mittel wurde bereits gegen so unterschiedliche Leiden wie Diabetes, Parkinson und Spastische Lähmungen in Stellung gebracht, derzeit wird seine Wirkung gegen Demenz postuliert, die Substanz ist indes in der Fachwelt sehr umstritten. Stolze erläutert, wie einzelne Psychiater und Neurologen einerseits an Reputation gewinnen, wenn sie sich als Forscher einem Mittel zuwenden, sie andererseits dann als Experten dessen Durchsetzung befördern können. Vor allem die Wortführerschaft in Organisationen wie der „Hirnliga“ macht ihnen die Autorin zum Vorwurf. Sind diese Bündnisse doch von eben jenen Pharmafirmen finanziert, die diejenigen Medikamente herstellen, deren vermehrte Verschreibung von solchen Vereinen propagiert wird. Dementsprechend „schwarz“ fällt die im Buch veröffentlichte Liste der Ärzte aus, die in Deutschland die Leitlinien der Demenz-Therapie formuliert und ihre Verquickungen mit der Industrie nicht offen gelegt haben.

          Die Wahl zwischen zwei Übeln

          So verdienstvoll jedoch der Versuch ist, anhand der Alzheimererkrankung manche Machenschaften aufzudecken, so wenig ändert dies daran, dass diese Demenz, anders als der Buchtitel suggeriert, dennoch eine Krankheit ist und kein lediglich aufgebauschtes Artefakt. Die Diagnose schafft man nicht ab, nur weil sie oft nicht richtig gestellt wird. Klar ist, dass die meisten Hausärzte damit überfordert sind, eine Demenz richtig einzuordnen. Klar ist auch, dass viele ältere Patienten zu viele Substanzen erhalten, und ihre Verwirrung sich bessern würde, ließe man diese Medikamente weg. Oft handelt es sich dabei gerade um Mittel, die zur Verbesserung der Hirnleistung verschrieben werden. Umso bedauerlicher ist, dass im Buch unterschiedslos sogar jene Autoren in schlechtes Licht geraten, die ihrerseits die übermäßige Verschreibung von Psychopharmaka etwa in Altersheimen anprangern.

          Verwirrend sind nicht zuletzt die Hinweise auf behandelbare Demenzformen, weil sie falsche Akzente setzen, erkennbar am Beispiel des Normdruck-Hydrozephalus: eine Ansammlung von Hirnwasser, die sich operativ angehen lässt. Das nährt die falsche Hoffnung, eine Vielzahl von Demenzen ließen sich beheben, täte man nur das Richtige. Unlängst wurde die Zahl der reversiblen Demenzen, die bei angemessener Therapie wieder zurückgehen, auf rund neun Prozent beziffert. Die alternativen Demenzdiagnosen sind ihrerseits nebulös und werden ebenfalls von Interessengruppen gepusht. Wie konsistent ist die Erklärung, dass der Hirndruck beim „Normdruck“-Hydrozephalus erhöht sein soll? Dass diese Diagnose von jenen favorisiert wird, die operieren wollen, statt Medikamente zu empfehlen, lässt allenfalls die Wahl zwischen zwei Übeln.

          Okinawa life-style

          Die eine Unschärfe durch die andere zu ersetzten, ist keine echte Lösung. Das gilt auch für die vorgeschlagenen Strategien gegen das Vergessen, deren Wirksamkeit nicht besser belegt ist als jene der inkriminierten Medikamente und Vorsorgeuntersuchungen. Nicht zu rauchen, gesünder zu essen, nicht dick zu werden und nicht einsam zu leben - das klingt höchst plausibel, müsste allerdings genauso streng auf Stichhaltigkeit überprüft werden.

          Wenn überdies methodisch kritisiert wird, dass etwa der Wert einer frühzeitigen Diagnostik und Tablettentherapie deshalb nicht auszumachen ist, weil nicht klar definierbar ist, wann Demenz eigentlich beginnt ist und ob sie aufschiebbar ist, dann leiden auch Studien zur Ernährungsprophylaxe an diesem Dilemma. Nicht zu reden von finanziellen Interessen einschlägiger Anbieter. Der so gern und auch im Buch bemühte „Okinawa life-style“ gegen Demenz wird nämlich ebenfalls mit Hilfe von Korallen-Kalzium-Kapseln in bare Münze umgesetzt. Zu bedauern ist schließlich, dass die gesamte Palette psychosozialer Hilfen für Alzheimerkranke und ihre Angehörigen keinerlei Erwähnung findet.

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