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Schulbücher aus dem Orient : Bereinigte Geschichte, geschärfte Feindbilder

Das türkische Schulbuch im Fach Sozialkunde ist das „mit Abstand hochwertigste“ der fünf untersuchten Schulbücher. Bild: dpa

Constantin Schreiber untersucht Schulbücher aus dem Nahen und Mittleren Osten. Viele von ihnen verfallen in Propaganda und Diffamierungen – und lassen das Individuum in Stich.

          Auch wenn der Titel des Buches in die Irre führt, seine Lektüre lohnt sich. Der Titel führt in die Irre, weil es Constantin Schreiber nicht um Koranschulen oder um die koranische Erziehung von Schülern geht, sondern um Schulbücher an staatlichen Schulen in Ländern mit muslimischer Bevölkerung. Schreiber macht deutlich, dass diese Schulbücher nicht zu Frieden und der Achtung der allgemeinen Menschenrechte erziehen, sondern den Auftrag haben, das Selbstverständnis eines Staats in den Köpfen der Schüler zu verankern; sie sind nicht am Individuum interessiert, sondern am Kollektiv; sie führen die Schüler nicht dazu, Inhalte zu hinterfragen und deren Bedeutung in der Welt von heute zu verstehen, sondern Vorgegebenes als selbstverständlich anzunehmen.

          Rainer Hermann

          Redakteur in der Politik.

          Schreiber hat aus mehr als hundert Büchern, die er aus acht Ländern des Nahen und Mittleren Ostens zusammengetragen hat, fünf ausgewählt. Es handelt sich um Schulbücher der Fächer Religion (Afghanistan), Ethik (Iran), Geschichte (Ägypten), arabische Sprache (Palästina) und Sozialkunde (Türkei). In allen Fällen geht Schreiber gleich vor: Zunächst gibt er eine allgemeine Einführung zum jeweiligen Land, es folgt die ungekürzte Fassung eines Kapitels aus einem Schulbuch, danach analysiert und bewertet er das Kapitel und lässt erfahrene Schulpädagogen zu Wort kommen.

          Das Urteil der Pädagogen ist erschreckend. „Das alles sind keine Schulbücher“, urteilt eine von ihnen. Sie dienen nicht der Bildung, sondern der Festigung der Narrative der Regierungen und Regime, die auf diesem Wege langfristig stabilisiert werden sollen.

          Propaganda und Diffamierung

          Das afghanische Schulbuch für das Fach Religion, in dem andere Religionen als der Islam mit keinem Wort erwähnt werden, vermittelt vor allem Angst vor Gott, fördert religiöse Gefügigkeit, nicht aber religiöse Mündigkeit. Im iranischen Schulbuch zu Ethik geht es nicht um Ethik, sondern letztlich nur darum, wie sich ein Muslim zu verhalten hat. Auch hier werden Ängste geschürt, um das gewünschte Verhalten hervorzubringen.

          Im ägyptischen Schulbuch zur modernen Geschichte des Landes fallen dem Autor, der Arabisch spricht und in Kairo gelebt hat, dagegen faktische Unwahrheiten, Verschwörungstheorien und ein antisemitisches Erzählmuster auf; es pflegt Feindbilder und kultiviert einen plumpen Nationalismus. Nach der Lektüre des politisierten Schulbuchs der palästinensischen Autonomiebehörde zur arabischen Sprache kann es niemanden mehr wundern, wie schwierig es ist, den Konflikt zwischen Israel und den Palästinensern – denen Schreiber attestiert, „ein Leben ohne echte Perspektive“ zu führen – zu überwinden. Den Schülern werde nicht beigebracht, sich konstruktiv mit der politischen Lage und der Geschichte auseinanderzusetzen. Solche Bücher seien „keine Basis für Frieden, sie schüren Hass und dämonisieren den jüdischen Staat“.

          Constantin Schreiber: „Kinder des Koran.“ Was muslimische  Schüler lernen. 
Econ Verlag, Berlin 2019. 298 S., br., 18,– €.

          Es überrascht nicht, dass das türkische Schulbuch im Fach Sozialkunde das „mit Abstand hochwertigste“ der fünf untersuchten Schulbücher ist. Im Aufgabenteil fordert es nicht eine bloße Wiederholung, sondern eine offene Diskussion. Doch auch dieses Schulbuch erfüllt nicht die Anforderungen, die heute in Westeuropa gelten. Es verfällt in Propaganda und Diffamierung, etwa indem es die Kultur und Geschichte des Landes einseitig und unvollständig vorstellt und auf die Homogenität des türkischen Volkes setzt, statt die Vielfalt zu zeigen, die das Land in seiner Geschichte ausgemacht hat.

          Schulbücher propagieren unreflektierten Nationalismus

          Den Schülern wird die Türkei als beispielhafte Demokratie vorgestellt, ohne auf die Realität der vielen Menschenrechtsverletzungen einzugehen; sie werden zum Misstrauen gegenüber den Medien erzogen; im Kapitel über den gescheiterten Putschversuch vom 15. Juli 2016 kommt lediglich die Version der Anhänger von Präsident Tayyip Erdogan vor. Neu ist die Erkenntnis nicht, dass Schulbücher den Entwicklungsstand einer Gesellschaft und das politische Selbstverständnis eines Regimes spiegeln.

          Es betrifft uns aber zunehmend, welche Inhalte die Schulen im Nahen und Mittleren Osten verbreiten. Denn sie verstärken die problematischen gesellschaftlichen Tendenzen ihrer Länder und damit die Krisen und Konflikte ihrer Region. Zudem bringen viele Migranten, die heute in Deutschland leben, das in ihren Köpfen mit, was ihnen in ihren Heimatländern vermittelt worden ist und was zu hinterfragen sie nie gelernt haben: einen unreflektierten Nationalismus, ein konservatives Bild von Frau und Familie, einen ungezügelten Hass auf Israel. Wenn junge Menschen einmal emotional von solchen Sichtweisen überzeugt sind, wird es später überaus schwer, sie davon abzubringen.

          Schreiber belässt es nicht bei der Analyse solch problematischer Inhalte. Er fordert, die Zusammenarbeit mit diesen Ländern an die Bedingung von Reformen im Bildungswesen zu knüpfen, konkret an Umarbeitungen der Schulbücher. Er überschätzt wohl die Möglichkeiten, solche Forderungen durchzusetzen, wenn er schreibt, Deutschland sitze gegenüber den Ländern an einem „sehr langen Hebel“. Zuzustimmen ist seiner Einschätzung: „Ein Land, das mit dem Holocaust für den Tod von Millionen Juden verantwortlich ist, darf nicht einen einzigen Euro zu antisemitischen Schulbüchern in der muslimischen Welt beisteuern oder sich an einem Bildungssystem beteiligen, das entsprechende Inhalte propagiert.“

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