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Christopher Turner: „Adventures in the Orgasmatron“ : Was tun, wenn der apokalyptische Orgasmus ausbleibt?

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Bild: verlag

Der sexuelle Befreier im Visier der Geheimdienste: Christopher Turners Biographie von Wilhelm Reich wartet vor allem zu den amerikanischen Jahren mit neuen Quellen und Einsichten auf.

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          Wilhelm Reich gehört zweifellos zu den schillerndsten Figuren, die das zwanzigste Jahrhundert hervorgebracht hat. Im Bewusstsein der Nachwelt gilt er bis heute als derjenige Schüler Freuds, der die Libidotheorie, den Grundpfeiler der Psychoanalyse, doppelt missverstanden hat: erstens in seiner in den zwanziger Jahren entwickelten sexualpolitischen Lehre vom "genitalen Charakter", dessen optimale therapeutische Entfaltung einer "orgastischen Potenz" zum Maßstab einer künftigen besseren Gesellschaft werden sollte; zweitens in einer Reihe von kuriosen Laborexperimenten, mit denen er die sexuelle Energie der Messbarkeit zuführen wollte, ein Projekt, das ihn auf Umwegen zur Entdeckung des "Orgons" führte, einer angeblich den Kosmos beherrschenden Lebensenergie.

          Reichs utopischer Entwurf einer freudomarxistischen Synthese, in der erstmals das Schlagwort von der "sexuellen Revolution" auftauchte, hatte für ihn selbst unmittelbar negative Folgen: In den Jahren 1933/34 wurde er sowohl aus der Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung als auch aus der Kommunistischen Partei Deutschlands ausgeschlossen. Nach seiner Emigration in die Vereinigten Staaten schwor er dem Linksfreudianismus ab und investierte während der Kriegsjahre in einem eigens eingerichteten Institut im amerikanischen Bundesstaat Maine in die "Orgonomie", die von ihm begründete Wissenschaft, von der er sich auch weitreichende therapeutische Wirkungen versprach.

          Reich stilisiert sich zunehmend zum Märtyrer

          In seinen 1940 entwickelten Orgonakkumulator plazierte Reich seine Patienten nicht nur in der Absicht, ihre "orgastische Potenz" zu steigern, sondern auch um Krebserkrankungen zu behandeln. Nachdem diese Praktiken ins Visier von FBI und der Food and Drug Administration geraten waren, kam es zu einem gerichtlichen Verbot der Akkumulatoren. Infolge von dessen Missachtung durch einen seiner Mitarbeiter wurde Reich zu einer zweijährigen Haftstrafe verurteilt, während deren er 1957 starb.

          Auch mehr als fünfzig Jahre nach seinem Tod bleibt Reich, der sich am Ende seines Lebens zunehmend zum Märtyrer hochstilisierte, ein schwieriger Gegenstand für die Biographik. Der bislang einzige Versuch in diese Richtung war aus der Perspektive eines ehemaligen Schülers unternommen worden (Myron Sharaf, "Fury on Earth", 1983). Christopher Turner stellt nun erstmals den Anspruch, eine umfassende kritische Biographie vorzulegen, wenn er auch den Namen Reichs aus seinem Titel getilgt hat, vermutlich um sein Buch als eine Vorgeschichte der sexuellen Revolution zu präsentieren. Der Journalist (Jahrgang 1972), der einer der Herausgeber der New Yorker Kunstzeitschrift "Cabinet" ist, schreibt sichtlich aus der Perspektive des Nachgeborenen.

          Der Autor bemüht sich um eine distanzierte Haltung

          Basierend auf Interviews mit Reichs noch lebenden Kindern und manchen seiner Schüler sowie dem ihm zugänglich gemachten Archivmaterial (der Einblick in den seit 2007 in der Bibliothek der Harvard-Universität verwahrten Reich-Nachlass wurde ihm von den Verwaltern verwehrt) und Reichs eigenen, ins Englische übersetzten oder verfassten Schriften, zeichnet Turners Buch detailreich die Stationen von dessen wechselhafter Karriere in Europa und Amerika nach. Der erste Teil, der sich der Zeit bis zu Reichs zweiter Emigration (aus Norwegen) im Jahr 1939 widmet, referiert weitgehend aus der Sekundärliteratur Bekanntes - wobei allerdings die deutschen Erstausgaben Reichs und die deutschsprachige Forschung generell nicht berücksichtigt wurden.

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