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Sachbuch „Die verlorenen Arten“ : Überraschungen im Naturalienkabinett

Der Holotyp von Darwinilus sedarisi. Bild: Antje Kunstmann Verlag

Der richtige Käfer in der falschen Schachtel: Christopher Kemp erzählt von der Entdeckung neuer Arten in alten naturkundlichen Sammlungen.

          Hundertachtzig Jahre sind keine Ewigkeit, aber sie sind lange genug für den Menschen, dass er Mühe hat, sich die Verhältnisse in diesem Vorgestern vorzustellen. Vom massenhaften Aussterben der Tiere auf unserem Planeten war damals nicht die Rede, das ökologische Interesse war auf Ahnungen, weniger auf empirische Erkenntnisse gerichtet, und die gelehrte Welt der Naturforscher gebot über eine sehr kleine Insel in einem Meer voll Unbekanntem.

          Joachim Müller-Jung

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

          Charles Darwin war im Sommer 1832 auf der „HMS Beagle“ in der Bahia Blanca angekommen, einem natürlichen Hafen im heutigen Argentinien. Er war dreiundzwanzig Jahre alt und hatte in wenigen Tagen so viele Tiere und Pflanzen gesammelt, dass wieder eine Postsendung an seine Heimatuniversität Cambridge abging. Zu den gesammelten Stücken gehörte ein Kurzflüglerkäfer, ein ungewöhnlich großes Exemplar innerhalb dieser Familie mit langem, biegsamen Körper und blaugrün irisierendem Kopf. Darwin schrieb darüber in seinem Reisebuch. Doch der Käfer blieb namenlos und verschwand.

          Bis ihn hundertachtzig Jahre später ein amerikanischer Taxonom wiederfand – nicht etwa in freier Wildbahn, sondern unter den von Darwin gesammelten Stücken. Es war ein glücklicher Zufall, denn viele Biologen vor ihm hatten bereits nach diesem rätselhaften Tier gesucht, das offenbar das erste erwähnte Exemplar einer ungewöhnlichen Art war. Der Taxonom, der an der Universität von Tennessee die Überarbeitung einer Unterfamilie – Trigonopselaphus – der inzwischen auf weltweit 60 000 Arten kommenden Kurzflüglerkäfer vornehmen wollte, hatte eine Sendung mit einschlägigen Sammlungsstücken aus dem Naturhistorischen Museum in London angefordert, zu dessen Beständen eine der größten Käfersammlungen weltweit gehört.

          Eine Schachtel der Londoner Sendung sollte vierundzwanzig konservierte Trigonopselaphus-Vertreter enthalten. Aber als der Taxonom sie öffnete, sah er sofort, dass einer der Käfer aus der Reihe fiel, schon seiner Größe wegen. Es war Darwins Fundstück – der sogenannte Holotypus – mit der Inventarnummer 708. Im Jahr 2012 erhielt der Käfer so endlich einen Namen und eine längst überfällige Einordnung in den Stammbaum der Lebewesen: Darwinilus sedarisi. Unter 400 000 Käferarten – das sind mehr als alle Wirbeltierspezies der Welt zusammen – fand die neue Art, die auch eine eigene Gattung begründet, ihre taxonomische Heimat. Ein zweites Exemplar der Art wurde im Musum für Naturkunde in Berlin entdeckt.

           Der Holotyp von Pithecia capillamentosa, später umbenannt in P. Chrysocephala.

          Die museale Odyssee des Darwin-Käfers ist eine der Entdeckungsgeschichten, die der amerikanische Epidemiologe Christopher Kemp in seinem Buch über die verlorenen Arten nachzeichnet: Das Naturmuseum als Schatzkammer der Natur. Kemp liefert Geschichten aus aller Welt über Vögel, Amphibien, Reptilien, Käfer und Würmer, auch über Säugetiere wie den kleinen Wickelbären, den Olinguito, der vor ein paar Jahren nicht in der Natur, sondern in den Sammlungen des Chicagoer Naturkundemuseums entdeckt und beschrieben wurde. Von den 18 000 Arten von Lebewesen, die heute jedes Jahr neu beschrieben werden, sind eben viele nicht auf Expeditionen in ferne Weltgegenden zurückzuführen, sondern auf die akribische und häufig vom Zufall angestoßene Aufarbeitung von Museumsmaterial.

          Mehr tun für Naturkundemuseen

          Kemps Buch ist ein Plädoyer für die Erhaltung naturhistorischer Sammlungen, in denen viele Millionen von Tieren aufbewahrt sind, aber oft genug unbenannt oder falsch und jedenfalls mit alten Verfahren unzutreffend eingeordnet. Tatsächlich lagern in diesen Sammlungen Schätze des Weltwissens. Ob die Mehrzahl von ihnen auch gehoben wird, lässt sich kaum sagen, denn die Zahl der Taxonomen schrumpft, so wie die öffentlichen Zuwendungen, auf die sie angewiesen sind. Das Artensterben, das Politik und Medien beschäftigt, könnte das zwar ändern, doch sicher ist das nicht. Denn wie Kemp schreibt, wird zwar Geld in die Digitalisierung der Sammlungen gesteckt, auch die Aufarbeitung und Katalogisierung neuer Arten mit neuen Barcode-Verfahren kommt voran. Aber die Berge, die sich vor den Biologen auftürmen, sind gewaltig. Kemp nennt die häufig zitierte Zahl von zehn Millionen Arten, welche die Erde mutmaßlich bevölkern, von denen aber bisher nur zwei Millionen wissenschaftlich aufgearbeitet worden sind. Bestenfalls kennen wir jede vierte Insektenart. Und die Zeit rennt uns davon: Denn mit den Lebensräumen verschwinden derzeit viele Arten weltweit unwiederbringlich.

          Kemps Buch ist kein emphatisches Manifest gegen das weltweite Artensterben, wie man es vielleicht von einem Autor erwarten könnte, der in seinem Buch eine ungeheure Begeisterung für die Vielfalt und Ästhetik der lebendigen Welt erkennen lässt. Der Autor gibt vielmehr biologische Anekdoten, die jedoch wissenschaftlich fundiert und manchmal akribisch dokumentiert sind. Das Buch vermittelt damit auch dem Laien einen Eindruck von den Menschen. welche nicht nur zu Darwins Zeiten, als kaum jemand die Lebensvielfalt zu überblicken oder überhaupt quantitativ einzuschätzen wusste, sondern auch heute noch hinter Unentdecktem in der Natur herjagen.

          An den Museumsgeschichten kann man dabei lernen, wie lange diese Jagd oft dauert: Die durchschnittliche „Verweilzeit“ in Sammlungen, also die Zeit zwischen dem Sammeln und der Beschreibung, liegt auch heute noch bei gut einundzwanzig Jahren. Für welche Überraschungen da die modernen genetischen Verfahren sorgen können, macht ein von Kemp erwähnter Frankfurter Fall deutlich: Als Forscher der Goethe-Universität die genetischen Analysen von – äußerlich praktisch gleich aussehenden – Giraffen untersuchten, zeigte sich, dass es sich um vier unterschiedliche Arten handelte. Überraschungsmomente wie diesen liefert Kemp einige in seinem faszinierenden Parcours durch Naturkundemuseen.

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