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Christoph und Michael Well: Biermösl Blosn : Vom Aufstieg, Triumph und Zerplatzen der Blosn

Bild: Verlag

Bruderzwist im Hause Well: Die Geschichte der Biermösl Blosn wird jetzt von den drei Beteiligten in zwei Büchern beleuchtet - autobiographisch und als Freundschaftsbuch.

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          Im Sommerloch des Jahres 2011 nahm eine respektvoll erschütterte Nachwelt Kenntnis von der Auflösung der berühmtesten bayerischen Volksmusik-Gruppe, die die Welt je gesehen hatte. Die Biermösl Blosn war am Ende und mit ihr eine Ära.

          Hannes Hintermeier

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für „Neue Sachbücher“.

          Die Brüder Hans, Michael und Christoph Well, drei von fünfzehn Kindern einer Lehrerfamilie aus dem oberbayerischen Günzlhofen, haben, alte Volksmusik mit neuen Texten und musikalische Perfektion mit schauspielerischer Anarchie verknüpfend, sogenannte Kleinkunstgeschichte geschrieben, zumal in Verbindung mit Gerhard Polt, mit dem sie drei Jahrzehnte lang auf der Bühne standen. „Aus is, und gor is, und schod is, dass wohr is“, so steht es auf der Homepage, einem nun toten Briefkasten.

          Biolek entdeckte die Truppe für das Fernsehen

          Zeugnis abgelegt von ihren Heldentaten haben jetzt beide Parteien. Hans Well, soeben sechzig geworden, als Solist in einer Autobiographie; Christoph (genannt „Stofferl“) und Michael als Duo in einem eilends arrangierten Familienalbum

          (“Roadbook“), zu dem fünf Dutzend lebende und verstorbene Beiträger Gedenkblätter, Briefe und Zeitungsartikel beisteuern. Mit dabei Alfred Biolek, der die Biermösl fürs Fernsehen entdeckte, Theater-Weggefährten wie Hans Christian Müller, Dieter Dorn und Claus Peymann, Musiker wie Fredl Fesl, Campino, Georg Ringsgwandl sowie Prominenz à la Altbundeskanzler Gerhard Schröder und Vincent Klink.

          Ein Grübler und Leidender an einer Welt 

          Über das Abschiedskonzert im Januar 2012 in Fürth schrieb die Kritikerin der „Süddeutschen“ den verhängnisvollen Satz: „Es ist alles wie immer.“ Genau darin liegt das Problem, behauptet jedenfalls Hans Well - dass seine jüngeren Brüder auf der Innovationsbremse standen.

          Das Bemühen um Ausgewogenheit ist dennoch deutlich, die Verwundung auch. Hans Well, der die meisten Texte der Gruppe schrieb, zeigt sich auch in seinen Erinnerungen als derjenige, der für die Leichtigkeit des Seins den höchsten Zins zu zahlen hat - als Grübler, als Leidender an einer Welt, die nicht so ist, wie er sie gern hätte, worüber ihn manchmal ein heiliger Zorn ergreift. Seine Brüder bringen in dieser Disziplin weniger Gewicht auf die Wage.

          Die Großfamilie ist Stütze und Bürde zugleich

          Stofferl ist ein grandioser Vollblutmusiker, der die Solo-Trompeterlaufbahn bei den Münchner Philharmonikern unter Sergiu Celibidache wegen einer kaputten Herzklappe kurzerhand in eine Harfenkarriere umformt. Kein Instrument, das sich lange seinem Zugriff entziehen kann; Michael ist als Organisator der Mann hinter den beiden Rampensäuen.

          Die Großfamilie ist Stütze und Bürde zugleich: „Mit vierzehn Geschwistern als Konkurrenten um die elterliche Liebe“, schreibt Christoph Well, „muss man Fähigkeiten entwickeln, mit denen man die anderen übertrifft.“ Man sei „keinesfalls umhegt und liebevoll behandelt worden“, stimmt auch Hans Well zu. Das sind bei ihm die aufschlussreichsten Kapitel geworden, die über Kindheit und Jugend.

          Aus der „CSU-Musik“ wird richtige  Volksmusik

          Die Mutter, die „oft labil und depressiv wirkte“, wenn sie nicht schwanger war; der seitenspringende Vater, ein harter Hund und begnadeter Lehrer, strammer Nazi, der nach dem Krieg wieder katholisch wurde und erst am Ende seines Lebens den Kurs gegenüber der eigenen Brut bedauerte. Hausmusik war Pflicht, noch heute sitzt die dreiundneunzigjährige Gertraud Well als ihr eigenes Denkmal auf der Bühne.

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