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Christoph Seibert: Religion im Denken von William James : Kann öffentliche Vernunft auf die Planstelle Gottes verzichten?

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Bild: Verlag

Christoph Seibert bringt es ans Licht: Die Vielfalt religiöser Erfahrung ist von keinem Philosophen so einfühlsam und reflektiert dargestellt worden wie von William James.

          Bald nach Publikation des amerikanischen Originals im Jahr 1902 wurde das Buch „Die Vielfalt religiöser Erfahrung“ von William James als epochal empfunden. Für eine Generation von Intellektuellen erwies sich die Begegnung mit ihm als prägendes Erlebnis. Die Spuren dessen lassen sich in Deutschland bei Heidegger und Wittgenstein, Scheler und Simmel, Troeltsch und Weber nachweisen. Bis heute hat das brillant geschriebene Buch nichts von seiner Frische verloren.

          Im Umkreis des Tübinger evangelischen Theologen Eilert Herms wurde nun dem Religionsdenken von James eine ungewöhnlich umsichtige und intensive Interpretation gewidmet. Das betrifft vor allem den Zusammenhang mit James' Vorlesungen zum Pragmatismus, die ganz anders als das Religionsbuch in Deutschland seit jeher auf breite und oft polemische Ablehnung stießen. Jürgen Habermas hat um James immer einen Bogen gemacht, und Peter Sloterdijk hat zwar zu einer neueren Ausgabe von James' Klassiker eine Einleitung verfasst, doch hat diese leider mit einem gesicherten Verständnis des Textes wenig zu tun.

          Grenzen des Bewusstseins

          Christoph Seibert hat den Ehrgeiz, die Religionsthematik als Schlüssel zu benutzen, mit dem sich auch James' philosophische Realitätsauffassung und seine umstrittene Wahrheitstheorie verstehen lässt. Er sieht James zu Recht als eine der wenigen Gestalten in der Gründungsphase der modernen Kultur- und Sozialwissenschaften, für die „das religiöse Bewusstsein kein Relikt aus längst vergangenen Zeiten bildet, das im Namen einer sich richtig verstehenden Wissenschaftskultur über seine eigenen Missverständnisse aufgeklärt werden müsse“, sondern eigene Rationalitäts- und Wahrheitspotentiale besitze, „auf die auch die öffentliche Vernunft nicht verzichten kann“.

          Der erste Teil des Buches ist vor allem den „Principles of Psychology“ gewidmet, mit denen James 1890 zu einem der Begründer der wissenschaftlichen Psychologie wurde. Bei aller Orientierung an methodischer Forschung und Darwins Evolutionstheorie hielt James eine Psychologie für von Anfang an verfehlt, die Bewusstseinszustände als anonyme Prozesse auffasst und nicht ihren Charakter als „je meine“ berücksichtigt.

          James hat mit seinen anschaulichen Schilderungen der Dramatik und der Zeitlichkeit des Bewusstseinslebens nicht nur der Psychologie den Weg gewiesen. Er hat auch philosophisch Türen aufgestoßen, die Denkern verschlossen blieben, welche die Positionen der klassischen deutschen Philosophie von Kant bis Hegel für das Nonplusultra der Philosophiegeschichte hielten. Gegen Kant stehen seine sensiblen Analysen körperlicher Erfahrung, gegen Hegel seine Insistenz auf der durch keine Vermittlung jemals zu bändigenden Kraft des unmittelbar Erlebten. Sehr schön zeigt Seibert, wie ambivalent der frühe „Personalismus“ von James in diesem Werk blieb und wie James im Lauf seines Lebens weitergetrieben wurde vom Studium des normalen und kognitiv wachen Bewusstseins zu dem, was jenseits von dessen Grenzen liegt.

          Reduktionsversuche des Religiösen

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