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Islamischer Staat : Die kühl kalkulierenden Gotteskrieger

Vermummte Demonstranten halten eine Fahne des IS hoch. Bild: AFP

Herausragende Recherche voller Tiefenschärfe: Christoph Reuter setzt sich in seinem Buch über das Terrorregime des IS intensiv mit der Entstehung und den Hintergründen der Organisation auseinander.

          Wer die Hoffnung gehegt hatte, der „Islamische Staat“ IS würde unter den Luftangriffen der amerikanisch geführten Koalition zerfallen oder zumindest seine Schlagkraft verlieren, ist eines Besseren belehrt worden. Auf militärische Rückschläge folgte zuletzt wieder eine Offensive der Terrororganisation, der mit der Eroberung der antiken Ruinenstadt Palmyra ein spektakulärer Schlag gelungen ist.

          Christoph Ehrhardt

          Korrespondent für die arabischen Länder mit Sitz in Beirut.

          Die Schreckensbilder aus der Levante, meist verbreitet von der IS-Propagandaabteilung, halten die Welt in Atem. Da ist es nicht überraschend, dass im vergangenen Jahr eine Vielzahl von Büchern erschienen ist, die den Aufstieg der Terrororganisation, ihre Ideologie und die Umwälzungen im Vorderen Orient erklären, die ein Erstarken der Extremisten um den selbsternannten Kalifen Abu Bakr al Bagdadi begünstigt, wenn nicht erst ermöglicht haben. Dabei ist dem Journalisten Christoph Reuter mit „Die Schwarze Macht“ ein Buch gelungen, das, was Tiefenschärfe und Recherche betrifft, herausragt.

          Schreckensbilder in Action-Kino-Ästhetik

          Reuter hat sich in den vergangenen Jahren fast ausschließlich dem Bürgerkrieg in Syrien gewidmet, er war seit dem Beginn des Aufstands gegen den syrischen Diktator Baschar al Assad immer wieder auf lebensgefährlichen Reisen in der syrischen und irakischen Krisenregion unterwegs. So stützt sich das Buch auf einen immensen Fundus an Material – auch aus dem Inneren des IS –, das Reuter und ein Team von Rechercheuren zusammengetragen haben. Und Reuter ist es gelungen, diesen Fundus anschaulich und scharfsinnig zu einem packenden Sachbuch zu verdichten.

          Der interessanteste Teil des Buches widmet sich dem Aufstieg des IS im verwüsteten Nordsyrien. Dieser stützt sich auf Dokumente, die auf einen wichtigen Führer der Organisation, einen Mann mit dem Tarnnamen Haji Bakr, zurückgehen. Der hatte die Infiltration der Dörfer geplant; seine Agenten sollten islamische Missionierungsbüros einrichten, Anführer identifizieren, die Bewohner bespitzeln, in wichtige Familien einheiraten. Haji Bakr entwarf in sorgsam angelegten Organigrammen Geheimdienststrukturen, ein „Stasi-Kalifat“, in denen jeder jeden überwacht – genau wie es im Gewaltherrschaftssystem Saddam Husseins der Fall war, in dem Haji Bakr ein wichtiger Funktionär war. Lange arbeitete der IS im Verborgenen, bis er stark genug war zuzuschlagen.

          Christoph Reuter: „Die Schwarze Macht“. Der „Islamische Staat“ und die Strategen des Terrors. Deutsche Verlags-Anstalt, München 2015.

          So dekonstruiert Reuter auch den Mythos, es handle sich beim IS um eine unaufhaltsame, barbarische Horde fanatischer Glaubenskrieger, die zu allem bereit sind. Im IS verbinden sich der Furor der Fußvolks und das kühle Kalkül und planvolle Vorgehen der Sicherheitstechnokraten zu einem gefährlichen Amalgam. Der Autor zeigt, wie die alten Kader der Sicherheitskräfte des Saddam-Hussein-Regimes den IS zu einer hochmobilen, straff organisierten Truppe formen, die zu bemerkenswerten logistischen Leistungen imstande ist. Er macht deutlich, wie die IS-Propaganda mit den in Actionkino-Ästhetik verpackten Schreckensbildern Angst schürt, die sie geschickt als strategische Waffe einsetzt, und wie groß die Anziehungskraft auf jene Extremisten und Allmachtsphantasten ist, die jetzt im Namen Gottes herrschen können.

          Sich selbst der gefährlichste Gegner

          Reuter bezeichnet den IS als „mutationsfähigen Organismus“, beschreibt eine skrupellose, pragmatische Organisation, die trotz der zur Schau getragenen (vermeintlichen) Orthodoxie eine Art Ablasshandel einführt, wenn ihr das Geld ausgeht. Die Allianzen eingeht, solange sie ihr nützen. Das bekommt gerade auch das Assad-Regime zu spüren, das lange geglaubt hatte, die Dschihadisten für seine Zwecke nutzen zu können – sei es dadurch, die Rebellen untereinander zu spalten, oder um sich als Bollwerk gegen den radikalen Islamismus darstellen zu können. Schließlich gibt es, auch das stellt Reuter anschaulich dar, schon lange funktionierende Arbeitsbeziehungen zwischen den syrischen Diensten und radikalen Islamisten.

          Wie überlebensfähig der IS ist, haben seine jüngsten Feldzüge im Irak und in Syrien gezeigt. Reuter kommt zu dem Befund, dass der gefährlichste Gegner des IS am Ende er selbst werden könnte. Schon jetzt hat er Schwierigkeiten damit, Volk, Finanzen und Verwaltung zusammenzuhalten. Irgendwann, schreibt Reuter, könnten die Beherrschten gegen die Tyrannei aufbegehren. Denn der Ruf zum Dschihad „ist grundsätzlich ein grandioses Mittel zum Machterwerb, aber ein schlechtes Mittel zum Machterhalt“. Der IS habe trotz seines Heilsversprechens nichts anderes zu bieten als das, was die Diktaturen in seinem Herrschaftsbereich ohnehin verkörperten: Unterdrückung und Ausbeutung.

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