https://www.faz.net/-gr3-9kycr

Perfekte Paarung: Christoph Maria Herbst liest Knigge. Bild: DAV Berlin

Christoph Maria Herbst liest : Fast alles im Leben lässt sich kniggen

  • -Aktualisiert am

Die Ratschläge des Freiherrn sind noch aktuell: Christoph Maria Herbst liest „Über den Umgang mit Menschen“. Ein passender Vorleser ist kaum vorstellbar. Für ein weiteres Hör-Werk erhält er heute den Hörbuchpreis.

          3 Min.

          Der Name des 1752 in Bredenbeck bei Hannover geborenen Adolph Freiherr von Knigge ist zur inflationär genutzten Marke geworden. Praktisch alles lässt sich kniggen. Unverzichtbar ist der „Business-Knigge“, aber kaum weniger hilfreich scheinen der „Reise-Knigge“, der „Klinik-Knigge“, der „Lehrerzimmer-Knigge“, der „Social-Media-Knigge“ („stilvoll im virtuellen Raum“) oder der „Bordell-Knigge für höfliche Freier“. Richtiges Verhalten versteht sich heute eben keineswegs von selbst, es will gelernt und trainiert sein.

          Das galt allerdings schon für den Urvater der Manierenforschung selbst. „Geschmeidiger Umgang“ mit Menschen war dem Freiherrn von Knigge keine Selbstverständlichkeit. Der Schriftsteller und Vertreter der Aufklärung verfügte nicht nur über kantige Gesichtszüge, sondern neigte auch dazu, in Gesellschaft anzuecken und sich Feinde zu machen; aus dem Illuminatenorden wurde er hinausgeworfen. Das Gefühl, zurückgesetzt und verkannt zu sein, war ihm vertraut, und sein großes Buch der Menschenkenntnis, das erst von späteren Herausgebern entstellt wurde zum bloßen Ratgeber für Anstandsfragen und Tischmanieren, enthält viele polemische Klagen darüber, dass in Gesellschaft, Künsten oder Politik oft die Blender reüssieren.

          So beginnt auch dieses Hörbuch mit starken Sätzen über die „halbgelehrten Schwätzer“, die mit angemaßter Autorität über Dinge urteilen, von denen sie selbst eine halbe Stunde zuvor zum ersten Mal gehört haben. Knigge grollt über die „Plusmacher“, „Windbeutel“ und „Dummköpfe“ in Spitzenpositionen, während „verdienstvollste Männer“ – hier schaut er womöglich in den Spiegel – außen vor blieben.

          Sprinter – der politische Newsletter der F.A.Z.
          Sprinter – der Newsletter der F.A.Z. am Morgen

          Starten Sie den Tag mit diesem Überblick über die wichtigsten Themen. Eingeordnet und kommentiert von unseren Autoren.

          Mehr erfahren

          Mit gut zweieinhalb Stunden präsentiert das Hörbuch Knigges Hauptwerk stark gekürzt, wobei dessen Wortlaut und Aufbau zum Glück erhalten bleiben. Ein passenderer Vorleser als Christoph Maria Herbst ist kaum zu denken. Der Schauspieler hat viele Rollen gespielt, als Fachmann für den „Umgang mit Menschen“ prädestiniert ihn seine berühmteste: Stromberg. Auch die bei aller Komik hochmoralische, die Fremdscham als ästhetische Kategorie etablierende Serie um den fatalen „Chef“ setzte ja Folge für Folge Knigge-Problematiken um. Nur dass den Maximen und Reflexionen des Bernd Stromberg immer ein pädagogisches Minuszeichen vorangestellt war. Das Inkorrekte wurde zum Vehikel des Korrekten.

          Wenn Christoph Maria Herbst nun den Knigge gibt, hat man anfangs unweigerlich Stromberg-Störfrequenzen im Ohr. Ist es so gemeint, wie er es sagt? War das gerade eben ein Ironie-Signal? Etwa wenn Christoph Maria Herbst jede Silbe betont bei der Behauptung, Bescheidenheit sei eine der „lie-bens-wür-dig-sten“ Tugenden. Wenn manche Ausführungen, insbesondere im Kapitel „Umgang unter Eheleuten“, heute etwas befremdlich wirken, ist das für Herbst aber gerade kein Grund, akustisch auf Distanz zu gehen. Vielmehr trägt er die Ratschläge gegen Ehebruch mit distinguierter Emphase vor: „Ein Kuss ist ein Kuss! Und es wird wahrlich fast immer des Weibes Schuld sein, wenn ein sonst nicht schlechter Mann diesen Kuss, den er von treuen, reinen und warmen Lippen ehrenvoll und bequem zu Hause erlangen könnte, mit Hintansetzung von Pflicht und Anstand bei Fremden holt.“

          Auf der anderen Seite hat Adolph Freiherr von Knigge auch den heutigen Nutzern von Datingbörsen gute Tipps zu geben: „In dem Augenblicke, in dem man den Frauen etwas von Empfindungen vorschwätzt, muss man fühlen, was man sagt...Sobald sie merken, dass du dein zärtliches Gewäsche bei jeder auskramst, ist alles vorbei.“ Im Übrigen bekennt er, dass er selbst vor der Liebe rechtzeitig die „Flucht“ zu ergreifen pflege, weil sie oft „bittere Leiden und Zerstörung aller Ruhe und alles Friedens“ mit sich bringe.

          FAZ.NET komplett

          Zugang zu allen exklusiven F+Artikeln und somit zur ganzen Vielfalt von FAZ.NET – für nur 2,95 Euro pro Woche

          Mehr erfahren

          Knigges virtuos verschachtelter Satzbau ist anfangs gewöhnungsbedürftig. Aber durch wohldisponierte Satzmelodien, Pausen und Betonungen schafft es Christoph Maria Herbst, dass auch minutenlange Perioden immer gut hörbar bleiben. Das häufige „Man soll“ und „Man soll nicht“ könnte penetrant wirken, aber Christoph Maria Herbst gibt den Manieren-Ansagen einen feinen Unterton der Süffisanz, etwa wenn Knigge einen vorausweisenden Ratschlag zum Smartphonegebrauch zu geben scheint: „Man soll nicht immer etwas zum Spielen zwischen den Fingern haben.“

          Der Satiriker Knigge wird vernehmlich in den Ausführungen über die Eitelkeit der Gelehrten und Schriftsteller. Der Aufklärer zeigt seine Schärfe im Kapitel über den Umgang mit den Fürsten und anderen „Großen der Erde“. An den deutschen Höfen des achtzehnten Jahrhunderts musste der Freiherr von Knigge immer wieder erfahren, wie sich gewandte Höflinge trotz ihrer intellektuellen oder moralischen Inferiorität gegenüber verdienstvolleren Bürgern durchsetzten. Deshalb entwickelt er in seinem Buch eine Lehre klugen, maßvollen und authentischen Verhaltens, mit deren Hilfe sich das aufstrebende Bürgertum behaupten sollte gegenüber dem höheren Adel, dem er pädagogische Defizite bescheinigt: „Sie werden in der Erziehung verwahrlost, von Jugend auf durch Schmeichelei verderbt.“

          Ein Jahr vor der Französischen Revolution hält Freiherr von Knigge für die Herrschenden eine Drohung parat: Sie sollten nie vergessen, „dass sie, was sie sind und haben, nur durch Übereinkunft des Volkes sind und haben; dass man ihnen diese Vorrechte wieder nehmen kann, wenn sie Missbrauch davon machen; dass unsere Güter und unsere Existenz nicht ihr Eigentum, sondern dass alles, was sie besitzen, unser Eigentum ist“. Wer hätte es gedacht – der vermeintliche Benimmonkel als Stichwortgeber für Enteignungsdebatten! Das ist hörenswert.

          Adolph Freiherr von Knigge: „Über den Umgang mit Menschen.“ Gelesen von Christoph Maria Herbst. DAV, Berlin 2019, 2 CDs, 156 Min., 14,99 €.

          Deutscher Hörbuchpreis

          In Köln wird auf dem Literaturfest lit.COLOGNE heute Abend der Deutsche Hörbuchpreis verliehen. Christoph Maria Herbst wird in der Kategorie „Beste Unterhaltung“ für seine Interpretation des Romans „Die Hungrigen und die Satten“ von Timur Vermes ausgezeichnet. Eva Meckbach erhält den Preis als „Beste Interpretin“, Gert Heidenreich als „Bester Interpret“. Der Preis ist mit jeweils 3333 Euro dotiert.

          Weitere Themen

          Schwarze Titelseiten in Australien Video-Seite öffnen

          Ruf nach Pressefreiheit : Schwarze Titelseiten in Australien

          Einige der großen Tageszeitungen in Australien erschienen am Montag mit geschwärzten Titelseiten. Damit wollten die Blätter nach eigenen Angaben auf die australische Gesetzgebung aufmerksam machen. Diese erschwere Journalisten die Arbeit, biete keinen ausreichenden Schutz der Pressefreiheit und lasse etwa die Durchsuchung von Redaktionsräumen zu.

          Schauspielerin Billie Zöckler gestorben

          Rolle in „Kir Royal“ : Schauspielerin Billie Zöckler gestorben

          In Helmut Dietls „Kir Royal“ hielt sie die Scheinwelt zusammen, für Michael „Bully“ Herbig unterstützte sie „Wickie und die starken Männer“. Nun ist Billie Zöckler im Alter von siebzig Jahren gestorben.

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.