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Christoph Bartmann: Leben im Büro : Wie opponiert man gegen ein Betriebssystem?

Bild: Hanser

Come in and burn out: Christoph Bartmann zeigt mit „Leben im Büro“, wie sich unsere Angestelltenwelt dem Regime der Office-Instrumente unterworfen hat.

          Das lateinische Wort „officium“ hat viele Bedeutungen: Dienst, Verrichtung, Tätigkeit, Amt, Geschäft, Pflicht, Gefälligkeit. Im Englischen „office“ ist es zusammengeschnurrt auf Amt, Kanzlei, Büro. Und in der lingua franca des Computerzeitalters flottiert es als Software-Überbegriff des weltweit verfügbaren Büros, das man immer dabei hat. Der Gang, die Fahrt in ein physisch vorhandenes Gebäude, so predigt es die neue Zeit, ist längst obsolet. Wertschöpfung geht heute ganz anders. Wer bin ich, wenn ich ins Büro gehe, und wenn ja, wie viele? Diese Frage sollte eigentlich zur Morgenandacht eines jeden Angestellten gehören, aber sie tut es offensichtlich nicht.

          Hannes Hintermeier

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für „Neue Sachbücher“.

          Die Lektüre von Christoph Bartmanns vorzüglich geschriebenem Buch „Leben im Büro“ könnte Abhilfe schaffen. Hier hat einer nachgedacht, wie sinnvoll die Unterwerfung unter ein sich auflösendes Privat- und Arbeitsleben für eine Gesellschaft sein mag. Bartmann ist für die Goethe-Institute in den Vereinigten Staaten, Kanada, Mexiko und Kuba zuständig, er sitzt in New York, schreibt Literaturkritiken und ist zuallererst und gern Angestellter. Als solcher hat er miterlebt, wie sich das Angestelltendasein veränderte - offenkundig zum scheinbar Besseren. Wer nicht „performt“, ist gar nicht da; die Selbstdarstellung ist zum Pflichtfach geworden.

          Die folgenreichste Erfindung des zwanzigsten Jahrhunderts

          Bartmanns Ton ist voller Ironie, wenn er das Neusprech des Managerismus sich selbst vorführen lässt; aber ab und an wird er richtig bitter, und man spürt, wie stark er von dem Thema affiziert ist, wenn er etwa „die Kolonisierung unserer Arbeitswelt durch Formate, Formatierungen, Formalitäten“ beklagt. Die Software Office empfindet er als Widersacher von wirklicher Arbeit, obwohl er sich ihrer selbstredend bedient. Zu den Anfängen dieses inneren Widerspruchs schlägt er mehrere kulturhistorische Schneisen. Zunächst geht er der Frage nach, warum die alte Bürokratie ausgedient hatte und was es mit dem Schlagwort vom permanenten Bürokratieabbau in Wirklichkeit auf sich hat. Ingenieure der menschlichen Seele standen an ihrem Anfang, aber dazu musste erst die Lehre Sigmund Freuds Amerika erobern. Auch ein Blick auf Kafkas Roman „Der Process“ hilft Bartmann bei der historischen Herleitung weiter: Der Prager Schriftsteller sei nicht nur als Seher der kommenden Bürokratie zu preisen, er habe zugleich eines der Schlüsselwörter des zwanzigsten Jahrhunderts ins Zentrum gestellt - ebenjenen „Prozess“, der heute Prozess-Managern ausgeliefert ist, die Management-Prozesse steuern.

          Die Geschichte des Managers beginnt Bartmann mit dem Exil-Österreicher Peter Drucker, der 1954 prophezeite, das Management sei die folgenreichste Erfindung des zwanzigsten Jahrhunderts. Mit seinem Büchern stieg er zum Guru einer neuen Lehre auf, die ihren Praxistest in den Organisationsschlachten des Zweiten Weltkriegs bestanden hatte. Amerikaner gaben dem Managerismus Schub und Überzeugungskraft; als „Held der Anpassung“ hatte Drucker das Berufsbild beschrieben. Dazu kam eine Ökonomisierung aller Lebensbereiche. Für Aufmerksamkeit, Glück, Recht und sogar für Fehler gibt es heute eine Ökonomie. Und die muss via Storytelling aufgebrezelt werden. Nur über gute Geschichten kann der Manager seinen Stakeholdern weismachen, dass die Firma „gut aufgestellt“ ist.

          „Evaluations- und Buchführungs-Diktaturen“

          Am Beispiel des Vereinigten Königreiches führt Bartmann die Management-Mechanismen vor, die zur Übernahme des politischen Geschäfts verwendet wurden. Dem Thatcherismus folgte der „Dritte Weg“ von New Labour. War die Politik der Eisernen Lady in ihrer Entschlossenheit zynisch, gab Tony Blair mit seinen religiös-charismatischen Sprechblasen den Erneuerer, und blieb obendrein zynisch. Dazu gehört auch die Ablösung der klassischen Verwaltung durch das New Public Management. Auch dessen Grundzüge wurden an der Harvard Business School ersonnen, für Bartmann ein Hort des Unheimlichen, weil dort das Büro als religiöse Gegenwelt erdacht wurde.

          Vom kirchlichen Glauben abgefallen, bekennen sich heutige Angestellte zur Religion des „Change“. Denn die Ethik des neuen Managements unterwirft sich dem Selbstregime der Optimierung. In einem permanenten Prozess der Selbstveredelung irrt der Manager zwischen hohen Semantik-Pfählen - Qualität, Netzwerk, Kompetenz, Performance - durch den Arbeitstag, während er nebenher für den nächsten Triathlon trainiert. Individuelle Verantwortung schwindet, weil jeder seiner Schritte durch Evaluation abgesichert ist, weswegen der britische Soziologe Michael Power von „Evaluations- und Buchführungs-Diktaturen“ spricht.

          Wege aus der Falle?

          Und noch einmal England: Die Modernisierungsidee der Royal Mail sah aus den üblichen Effizienzgründen die Abschaffung der Postboten-Fahrräder vor. Stattdessen wurden Lieferwagen angeschafft, um in derselben Stundenzahl mehr Arbeit zu bewältigen. Die Autos wurden mit zwei Postboten besetzt, die in einer von einem Computer errechneten Zustellschleife Post auslieferten. Funktioniert hat es nicht wirklich. Kein Wunder, denn „Change“, schreibt Bartmann, sei nur ein dialektischer Trick: Er behauptet den permanenten Wandel und sichert doch nur den Stillstand ab. Die Postdemokratie ist Wirklichkeit geworden; sie hat in den Unternehmen Arbeiter durch PR-Leute und Evaluierungsexperten ersetzt. Der Autor scheut sich nämlich in seiner Gesellschaftsstudie nicht, die politischen Implikationen der neuen Bürowelt einzuordnen. Er zitiert den Satz des Politologen James Burnham: „Die Manager verlagern den Sitz der Souveränität.“ Viel Hoffnung bei den etablierten Parteien sieht er nicht, die Piraten spielen hier noch keine Rolle.

          Aus der Falle der permanenten Zielvereinbarung mit sich selbst führt häufig genug die mit Burnout nur unzulänglich beschriebene Volkskrankheit. Das Buch widmet sich diesem Thema in galliger Ausfühlichkeit, besonders hat es dem Autor Miriam Meckels Bekenntnis-Buch „Brief an mein Leben“ angetan - als Beleg, wie man sich eine Krankheit als Auszeichnung in den Lebenslauf hineinschminken kann. Befund: Meckel verwechsle Burnout mit ihrem eigenen „Strebersein in der Optimierungsgesellschaft“. Die „Ausgründungen der Bürowelt“, die diese Krankheit zusammen mit ADHS geschaffen habe, fänden sich in Klosterzellen, Thermen, Fastenkliniken und Wellness-Oasen.

          Gibt es Wege aus der Falle des bürokratisch-industriellen Komplexes? Bartmann ist nicht optimistisch, denn „wie wollte man sich die Opposition gegen ein Betriebssystem vorstellen?“. Er ahnt, sein Vorschlag, ein „Büro für Kritik“ einzurichten, wird es nicht richten - denn dem Managementdenken hafte etwas Totalitäres an. Weniger Mitbestimmung in Betrieben und Verwaltungen als unter dem Regime der Instrumente habe es noch nie gegeben. „Nie waren wir so frei im Büro, und nie zuvor waren wir derart dressiert.“

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