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Christoph Bartmann: Leben im Büro : Wie opponiert man gegen ein Betriebssystem?

„Evaluations- und Buchführungs-Diktaturen“

Am Beispiel des Vereinigten Königreiches führt Bartmann die Management-Mechanismen vor, die zur Übernahme des politischen Geschäfts verwendet wurden. Dem Thatcherismus folgte der „Dritte Weg“ von New Labour. War die Politik der Eisernen Lady in ihrer Entschlossenheit zynisch, gab Tony Blair mit seinen religiös-charismatischen Sprechblasen den Erneuerer, und blieb obendrein zynisch. Dazu gehört auch die Ablösung der klassischen Verwaltung durch das New Public Management. Auch dessen Grundzüge wurden an der Harvard Business School ersonnen, für Bartmann ein Hort des Unheimlichen, weil dort das Büro als religiöse Gegenwelt erdacht wurde.

Vom kirchlichen Glauben abgefallen, bekennen sich heutige Angestellte zur Religion des „Change“. Denn die Ethik des neuen Managements unterwirft sich dem Selbstregime der Optimierung. In einem permanenten Prozess der Selbstveredelung irrt der Manager zwischen hohen Semantik-Pfählen - Qualität, Netzwerk, Kompetenz, Performance - durch den Arbeitstag, während er nebenher für den nächsten Triathlon trainiert. Individuelle Verantwortung schwindet, weil jeder seiner Schritte durch Evaluation abgesichert ist, weswegen der britische Soziologe Michael Power von „Evaluations- und Buchführungs-Diktaturen“ spricht.

Wege aus der Falle?

Und noch einmal England: Die Modernisierungsidee der Royal Mail sah aus den üblichen Effizienzgründen die Abschaffung der Postboten-Fahrräder vor. Stattdessen wurden Lieferwagen angeschafft, um in derselben Stundenzahl mehr Arbeit zu bewältigen. Die Autos wurden mit zwei Postboten besetzt, die in einer von einem Computer errechneten Zustellschleife Post auslieferten. Funktioniert hat es nicht wirklich. Kein Wunder, denn „Change“, schreibt Bartmann, sei nur ein dialektischer Trick: Er behauptet den permanenten Wandel und sichert doch nur den Stillstand ab. Die Postdemokratie ist Wirklichkeit geworden; sie hat in den Unternehmen Arbeiter durch PR-Leute und Evaluierungsexperten ersetzt. Der Autor scheut sich nämlich in seiner Gesellschaftsstudie nicht, die politischen Implikationen der neuen Bürowelt einzuordnen. Er zitiert den Satz des Politologen James Burnham: „Die Manager verlagern den Sitz der Souveränität.“ Viel Hoffnung bei den etablierten Parteien sieht er nicht, die Piraten spielen hier noch keine Rolle.

Aus der Falle der permanenten Zielvereinbarung mit sich selbst führt häufig genug die mit Burnout nur unzulänglich beschriebene Volkskrankheit. Das Buch widmet sich diesem Thema in galliger Ausfühlichkeit, besonders hat es dem Autor Miriam Meckels Bekenntnis-Buch „Brief an mein Leben“ angetan - als Beleg, wie man sich eine Krankheit als Auszeichnung in den Lebenslauf hineinschminken kann. Befund: Meckel verwechsle Burnout mit ihrem eigenen „Strebersein in der Optimierungsgesellschaft“. Die „Ausgründungen der Bürowelt“, die diese Krankheit zusammen mit ADHS geschaffen habe, fänden sich in Klosterzellen, Thermen, Fastenkliniken und Wellness-Oasen.

Gibt es Wege aus der Falle des bürokratisch-industriellen Komplexes? Bartmann ist nicht optimistisch, denn „wie wollte man sich die Opposition gegen ein Betriebssystem vorstellen?“. Er ahnt, sein Vorschlag, ein „Büro für Kritik“ einzurichten, wird es nicht richten - denn dem Managementdenken hafte etwas Totalitäres an. Weniger Mitbestimmung in Betrieben und Verwaltungen als unter dem Regime der Instrumente habe es noch nie gegeben. „Nie waren wir so frei im Büro, und nie zuvor waren wir derart dressiert.“

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