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„Wie geht’s dir, Deutschland?“ : Durchs Land der Streithörnchen

Geht es Deutschland schlecht? Die Stadt Bochum besang einst Herbert Grönemeyer, mit dem Christoph Amend gesprochen hat. Bild: dpa

Was ist denn hier los? Der Journalist Christoph Amend bereist seine Heimat und versucht zu ergründen, wie es Deutschland geht. Eine Analyse lässt er dabei vermissen.

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          Der Autor folgt einem Impuls. Er sieht, wie sich die Gesellschaft verändert. Es wird gerade viel nachgedacht und geredet über dieses Land, über das Bedürfnis nach Heimat und die Überwindung von Fremdheit, über die Deutschen und ihre Nachbarn. Unbehagen liegt in der Luft. Es gibt die AfD, es gibt die Flüchtlinge, und es gibt die Generation des Autors, 1974 geboren, die in einer multikulturellen, globalisierten Gesellschaft aufgewachsen ist, sich für linksliberal hält und wahrscheinlich mehrheitlich grün wählt.

          Hannah Bethke

          Feuilletonkorrespondentin in Berlin.

          Und dann gibt es noch die deutsche Geschichte, die bis heute ein umkämpftes Thema ist. Mal geht es um die deutsche Schuld, mal geht es um Ost und West, um den Mauerfall und die Wendeverlierer, und über allem schwebt die doppelte Last der Vergangenheitsbewältigung.

          Aus dieser Gemengelage kann man etwas machen, ein Buch zum Beispiel. Dafür bräuchte es eigentlich mehr als nur einen Impuls, doch der Journalist Christoph Amend hält sich hier konsequent vage an Herbert Grönemeyer und fragt: „Was ist denn los / was ist passiert?“ Er will herausfinden, was aus dem Land geworden ist, in dem er aufgewachsen ist. Dafür fährt er quer durch die Republik und spricht mit prominenten und weniger prominenten Menschen, mit älteren und jüngeren, die ihm sagen sollen, wie es ihnen denn so geht in Deutschland. Die Tochter von Hellmuth Karasek ist darunter und der Sohn von Werner Heisenberg, Amend spricht mit Lena Meyer-Landrut und Herbert Grönemeyer, er trifft sich mit Jens Spahn und redet mit seinen Eltern.

          Der Weg ist nicht das Ziel

          Das könnte sogar interessant sein, wenn es dem Autor gelänge, die sehr unterschiedlichen Gesprächsfäden seiner Interviewpartner zu einem sinnvollen Ganzen zusammenzuführen und dem Text eine klare Struktur und Argumentation zu geben. Doch das Buch führt weder zu einem klaren Ziel, noch hält es dem wohlwollenden Interpretationsversuch stand, im Weg das Ziel zu sehen. Denn der Weg gibt zu wenig her, und das liegt nicht nur an den Gesprächspartnern, die kaum etwas Substantielles sagen.

          Das gerade erschienene Buch soll betont locker geschrieben sein, fällt sprachlich aber oftmals dürftig aus: Da habe jemand etwas „voll mitbekommen“ und ein anderer „voll abbekommen“, unter fröhlicher Missachtung des Genitivs will Amend „wegen einem seiner berühmt-berüchtigten Sätze“ Jens Spahn treffen, aus der Heisenbergschen Unschärferelation leitet der Autor stilsicher ab, Heisenberg sei politisch selbst unscharf gewesen, Meyer-Landrut dagegen habe „sich nicht stylen lassen in einer immer durchgestylteren Welt“, denn: „Das ist ihr Stil.“

          Der Autor wiederholt sich häufig, deutet sein Gegenüber, anstatt es zu beschreiben, fügt Informationen hinzu, die nichts zur Sache tun haben („Ich verschlucke mich fast an einem Bissen Rührei.“ „Ich schreibe ihr über Facebook eine Nachricht.“), und legt ohne Umschweife mit der Lektüre von Wikipedia-Einträgen offen, wie uninformiert er selbst ist. Amend erklärt ausführlich Sachverhalte, die zur Allgemeinbildung gehören – etwa, wer Marcel Reich-Ranicki war und dass Chemnitz in der DDR „Karl-Marx-Stadt“ hieß –, so dass man sich fragt, wer eigentlich die Adressaten dieses Buches sein sollen. Unwissende Jugendliche? Auch die Wahl der Erzählperspektive überzeugt nicht. Amend schreibt von seinem eigenen Ich, das aber nicht aufschlussreich genug ist, um dem Buch einen zusätzlichen Reiz zu verleihen. Das eigentlich Interessante hätte im Gegenstand liegen können; diesen aber vermag der Autor auch nach zweihundert Seiten nicht zu greifen.

          Oberflächliche Cafégespräche

          Das spiegeln seine assoziativen Reflexionen, etwa wenn er Meyer-Landrut zitiert: „Ich habe mir Fragen gestellt: Was macht mich glücklich? Wer bin ich? Und wer will ich sein?“ Große Fragen seien das, bilanziert er, „die größten überhaupt“. Amend findet, ein Kinderbuch mit dem Titel „Die Streithörnchen“ könnte „über vielen der Diskussionen stehen, die das Land gerade führt“, er glaubt, Europa sei nicht die ganze Wahrheit, verrät allerdings nicht, was stattdessen wahr ist, um sich schließlich tiefsinnig die Frage zu stellen: „Bach, Luther, Goethe – sind es am Ende die Künstler und Denker, die das Land in seinem Inneren zusammenhalten?“

          Fast jedes Gespräch, das jeweils ein Kapitel ausmacht, schweift ab in den Kontext, aus dem die Gesprächspartner kommen. Bei Grönemeyer geht es um seine verkauften Platten, bei Meyer-Landrut um ihre Prominenz seit dem Eurovision Songcontest, bei den unbekannten Gesprächspartnern, die Amend aus seinem Umfeld zusammensucht, um die eigene Biographie. Jeder sagt irgendetwas über Deutschland und „das Deutsche“, aber daraus allein entsteht noch kein lesenswertes Buch, geschweige denn irgendeine Erkenntnis, die über oberflächliche Cafégespräche hinausgeht. Manchmal liest sich der Text wie eine unfertige Privatnotiz. Das kann man auch am Titel ablesen, der die Leser immerhin nicht auf eine falsche Fährte lockt, denn das Buch ist so schlicht, wie es klingt: „Wie geht’s dir, Deutschland?“

          Einzig aus der Perspektive der Vermarktung ist es aufschlussreich: Man nehme ein Reizwort unserer Zeit, präsentiere es gewollt unverkrampft, simpel, umgangssprachlich, so dass bloß nicht der Verdacht aufkommt, hier handele es sich um „trockenen“ Stoff, dazu die angesagte Methode des Ich-Journalismus, die Narzissmus an die Stelle von Analyse setzt, und schon hat man ein Rezept, wie man ein in jeder Hinsicht entbehrliches Buch ins Gespräch bringen kann.

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