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Christine Sauer: Handwerk im Mittelalter : Als der Paternosterer noch Perlen fräste

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Bild: Primus Verlag

Das Kommen und Gehen von Berufen hat eine lange Tradition: Ein Sammelband untersucht die wechselvolle Geschichte des deutschen Handwerks im Mittelalter.

          Es ist noch nicht entschieden, ob das Handwerk nur noch eine romantische Projektion ist - oder ob es eine Zukunft hat. Das handwerkliche Können kommt dem Begriff der Nachhaltigkeit entgegen, eines umsichtigen Tuns, welches sich um den Einklang mit der Natur bemüht. Der Amerikaner Richard Sennett hat solche philosophisch-kulturgeschichtlichen Aspekte vor fünf Jahren in seinem lesenswerten Buch über das Handwerk erörtert. Deutsche Autoren behandeln das Thema gern etwas enger, historischer.

          Das gilt auch für Christine Sauer, die als Herausgeberin den Band „Handwerk im Mittelalter“ vorgelegt hat. Grundlage sind die fünf Nürnberger Hausbücher der Mendelschen und Landauerschen Zwölfbrüderstiftungen. Die Bücher wurden vom frühen fünfzehnten bis zum frühen neunzehnten Jahrhundert geführt und zählen zu den wichtigsten Bildquellen des vorindustriellen Handwerks in Europa. Die Zwölfbrüderstiftungen waren quasi Seniorenwohnheime für Handwerker; jedes Mitglied erhielt im Hausbuch einen Eintrag mit Bild. Man sieht auf kolorierten Zeichnungen die Handwerker bei der Arbeit; es lassen sich zuweilen die Rohstoffe erkennen, die in die Werkstatt kamen, dazu die Werkzeuge, mit denen die Handwerker das Material bearbeiteten.

          Nicht nur Mittelalter

          Daneben erkennt man da und dort die fertigen Waren. Der heutige Betrachter ist so nah wie möglich bei den Herstellungsverfahren und Tätigkeiten des alten Handwerks dabei: bei der Textilproduktion, beim Gerben von Leder oder bei der Gestaltung von Keramik. Da einst in Nürnberg so gut wie jedes Handwerk vertreten war, erblickt man auch seltene Figuren wie den Paternosterer aus dem Jahr 1435, der mit einer mechanischen Bohrmaschine aus Knochenplättchen runde Perlen für den Rosenkranz ausfräst.

          Der Band bietet eine gute Auswahl solcher Bilder aus den fünf Nürnberger Hausbüchern; er präsentiert viele Darstellungen ganzseitig und verleiht so der handwerklichen Tradition eine gewisse Würde und offenbart ihren Reichtum. Selten wurde eine Publikation über die Handwerkskunst so sorgfältig und aufwendig gestaltet. Der Titel „Handwerk im Mittelalter“ ist allerdings irreführend. Entsprechend der Entstehungsgeschichte der Hausbücher wird in dem Band das Handwerk des späten Mittelalters, der Renaissance und teils auch des Barock vorgestellt.

          Vom Wandel der Berufe

          Die Herausgeberin hat Autoren unterschiedlicher Couleur gewonnen - ohne ihnen allzu strenge Vorgaben zu machen: Sozial- und Wirtschaftshistoriker, Volkskundler, Archäologen, Restauratoren oder Kunsthistoriker, die ihre eigenen Schwerpunkte setzen. Und die auch andere historische Bildquellen einsetzen, etwa solche aus dem köstlichen „Ständebuch“ von 1568, mit Holzschnitten des Nürnberger Künstlers Jost Amman und Texten von Hans Sachs. Der Band schreibt also keine systematische Geschichte des alten Handwerks. Das Geschehen im frühen und hohen Mittelalter bleibt so gut wie ausgespart, auch erfährt man kaum etwas über die Zünfte. Wer danach sucht, möge sich an das informative Werk von Knut Schulz halten (“Handwerk, Zünfte und Gewerbe. Mittelalter und Renaissance“).

          Reinhold Reith zeigt, dass es auch schon im vorindustriellen Handwerk Berufe gab, die verschwanden, während neue hinzukamen. Der Pergamentmacher etwa wurde vom späten Mittelalter an vom Papiermacher abgelöst. Mit dem Aufkommen der Schusswaffen verschwanden die Kettenhemdmacher und Plattner. Nach dem Dreißigjährigen Krieg gab es völlig neue Sparten wie die Perückenmacher oder Kaffeesieder. Mit dem Aufstieg der Freien Reichs- und Hansestädte im vierzehnten und fünfzehnten Jahrhundert hatten sich die Handwerkszweige vermehrt.

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