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Christian Holtorf: Der erste Draht zur neuen Welt : Da schien die Macht von Raum und Zeit gebrochen

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Bild: Wallstein

Erhellender Rückblick auf eine Medienutopie und ihre technische Basis: Christian Holtorf schildert die Verlegung des ersten transatlantischen Telegrafenkabels.

          Die Telegrafie ist eine aussterbende Technologie. Als praktisches Kommunikationsmittel dürfte sie den meisten heute nur noch aus Historienfilmen und Technologiemuseen bekannt sein. Vielerorts (zuletzt vor einigen Wochen in Indien) sind die Telegrafenämter geschlossen worden, anderswo führen sie ein Nischendasein für besondere, bisweilen skurrile Zwecke.

          Doch je weniger Telegramme versendet werden, so scheint es, desto mehr Bücher werden über die Telegrafie geschrieben - wofür es neben bloßer Faszination für alte Technologien auch gewichtige wissenschaftliche Gründe gibt: Die Daten einer in London abgeschickten und in New York abgerufenen E-Mail werden noch heute meist durch Unterwasserkabel im Atlantischen Ozean geleitet, und die technische Basis für das Kabelnetz, das dieses Wunder möglich macht, wurde vor über hundertfünfzig Jahren mit der Telegrafie geschaffen.

          Ein erster Versuch

          Das Telegrafennetz war zudem die erste stabile Lösung für ein grundlegendes Problem, an dem letztlich alle Telekommunikationstechnologien ansetzen: das Kommunikationstempo vom Personen- und Güterverkehr abzulösen, so dass Informationen verlässlich schneller reisen können als Menschen oder Dinge. Diese Pionierrolle als Verkabelungs-, Beschleunigungs- und Globalisierungsprojekt, die Tom Standage zu der schönen Retrospektivmetapher vom „viktorianischen Internet“ beflügelte, macht die Telegrafie zu einem zentralen Thema der heutigen Medien- und Globalisierungsforschung.

          Das Buch des in Coburg lehrenden Wissenschaftshistorikers Christian Holtorf widmet sich einer Episode aus der Telegrafiegeschichte, der Verlegung des ersten Transatlantikkabels, die auf den ersten Blick wenig geeignet erscheint, Erforscher des heutigen globalen Zeitalters von den Sitzen zu reißen. Denn die Verbindung funktionierte im Sommer 1858 nur für wenige Wochen. Wenn die Telegrafie Globalisierungsprozesse angestoßen hat, kann es also am ersten Transatlantikkabel kaum gelegen haben; eine zuverlässigere Verbindung folgte erst 1866.

          Holtorf gelingt es gleichwohl, diese Geschichte auch über ihre musealen Reize hinaus interessant zu machen, indem er die Rede von der „dematerialisierenden“ Beschleunigung der Kommunikation (Roland Wenzlhuemer) umkehrt und sich für die durchaus materiellen Qualitäten und die naturwissenschaftliche Wissensbasis interessiert, auf die Kommunikationstechnologien angewiesen sind.

          Eine Geschichte produktiven Scheiterns

          Aus dieser Perspektive drängt sich in der Tat gerade diese Episode vom Anfang der Telekommunikationsgeschichte auf, da aufgrund mangelnder Erfahrungen mit solchen Technologien nicht nur das Scheitern wahrscheinlich war, sondern auch die Chance groß, aus diesem Scheitern neues Wissen zu gewinnen. Die Geschichte dieses produktiven Scheiterns erzählt Holtorf in sechs sorgfältig recherchierten, klar geschriebenen, reich illustrierten und sinnvoll auf drei Themenblöcke (“Konstruktionen des Raums“, „Aporien der Beschleunigung“ und „Ökonomien der Globalisierung“) aufgeteilten Kapiteln.

          Der Kern der Story lässt sich so zusammenfassen: Die Initiative zur Idee eines transatlantischen Kabels - die Samuel Morse schon 1840 aufgebracht hatte - war durch den zügigen Ausbau des Telegrafennetzes zu Land, von Profiterwartungen, nationalen Interessen, aber auch von einem visionär-utopischen Diskurs angeregt worden, der die transatlantische Verbindung als Ausdruck der Fähigkeit des menschlichen Geistes pries, Zeit und Raum zum Verschwinden zu bringen. Praktisch versprach das Kabel, die von der damals etwa zehn Tage dauernde Schiffspassage abhängige Nachrichtenvermittlung zwischen den Kontinenten dramatisch zu verkürzen.

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