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Christian Holtorf: Der erste Draht zur neuen Welt : Da schien die Macht von Raum und Zeit gebrochen

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Die Zeitgenossen waren euphorisch

Unter den heute bisweilen phantastisch anmutenden wissenschaftlichen Hypothesen, die das Unternehmen inspirierten, ragt das „Telegraph Plateau“ des Ozeanographen Matthew F. Maury besonders heraus: eine vermutete Hochebene unter Wasser, die angeblich mit idealen Strömungs- und Temperaturbedingungen ausgestattet war - so als habe Gott selbst ein Kabel gerade an dieser Stelle vorgesehen. 1860 stellte sich heraus, dass das Seebett wesentlich unregelmäßiger war, als es Maury erwartet hatte, weil seine Messmethoden zur Erfassung des felsigen Meeresuntergrunds nicht ausgereicht hatten. Den Meeresraum genauer zu kartographieren, dazu hat dann nicht zuletzt das Scheitern des Transatlantikkabels Anlass gegeben.

Trotz solcher Fehlannahmen und diverser Abstimmungsschwierigkeiten gelang es unter Führung privater Betreiber (in der Atlantic Telegraph Company) und mit staatlicher Unterstützung Englands und der Vereinigten Staaten im August 1858, die Verbindung zwischen Neufundland und Irland in Betrieb zu setzen. Die zeitgenössischen Reaktionen waren euphorisch und geradezu poetisch im Fall der Londoner „Times“, die das Bild von einem nun ausgetrockneten Ozean heraufbeschwor: In Sachen Kommunikation sei man nun dem Wunsch wie der Realität nach zu einem einzigen Land geworden.

Antipharmakon für Netzeuphorie

Diese zitierte Quelle illustriert eine besondere Stärke von Holtorfs Studie, die Technik-, Wissenschafts- und Diskursgeschichte der Telegrafie auf eine auch für technikhistorische Laien instruktive Weise miteinander verknüpft. Die Berücksichtigung vor allem der wissenschaftlichen Diskursebene öffnet auch erst den Weg zu der Erkenntnis, dass die historische Bedeutung des Kabels nicht durch sein Scheitern limitiert wird, sondern sich gerade aus den Erkenntnisschüben ergibt, zu denen das Scheitern des ersten Versuchs anregte.

Seine Aufmerksamkeit für die Diskursgeschichte der Telegrafie im Licht ihrer Realgeschichte (Technik, politische Ökonomie) verleiht dem Buch aber auch eine aktuelle Qualität: Zeitgenössische Zitate erinnern immer wieder an utopische Vorstellungen der Transatlantikpioniere, die sich von der Verkabelung mindestens die „Vernichtung von Raum und Zeit“, wenn nicht gleich den Weltfrieden versprachen. Man muss nur Holtorfs Analyse der nationalen Interessenpolitik rund um die Verlegung der Telegrafenkabel lesen, um einzusehen, wie weit sich diese Hoffnungen auch damals schon von der Realität entfernten.

Damit bietet das Buch auch eine Art Ausnüchterungslektion gegenüber medienutopischen Heilsversprechen, die von schnelleren Kommunikationsverbindungen umstandslos auf eine bessere, kosmopolitische Welt schließen und sich bei jeder neuen Medientechnologie ebenso zuverlässig wiederholen wie die ähnlich stereotypen Topoi der Medienkritik. Heute, da sich als erste Assoziationen zu „Internet“ vor allem die Stichworte „NSA“ und „Geheimdienste“ aufdrängen, könnte diese Lektion kaum zeitgemäßer sein. Wer sich sowohl über die historischen Ursprünge des Internets informieren als auch gegen Interneteuphorie immunisieren möchte, dem kann das Buch also nur empfohlen werden.

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