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Mussolini und Hitler : Den großen Worten mussten Taten folgen

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Diktatoren am Teetisch: Mussolini und Hitler bei einem Treffen im Jahr 1937. Bild: Picture-Alliance

Beziehung mit Machtumkehr: Christian Goeschel untersucht die Geschichte der Allianz zwischen Benito Mussolini und Adolf Hitler. Die ganze Praxis ihres mörderischen Handwerks erfasst er nicht.

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          Mehr konnte bei dem ersten Zusammentreffen gar nicht schieflaufen. 1934 empfing der uniformierte Mussolini einen linkisch aus dem Flugzeug steigenden Hitler, der mit seinem Trenchcoat und zerknautschen Filzhut wie ein Büroangestellter aussah. Während Hitler seinem Idol beflissen den angeblich „deutschen Gruß“ entbot, schüttelte ihm sein Gegenüber schnöde die Hand. Mehr symbolische Distanzierung innerhalb nur weniger Sekunden war kaum denkbar. Immerhin umspülte die Diktatoren auf der Motorbootfahrt nach Venedig die Begeisterung ozeanischer Menschenmassen, die bei der Ankunft auf festem Stadtboden von endlosen Paradeformationen abgelöst wurde. In ihrer Vorliebe für diese Mischung aus Populismus, Militarismus und Führerkult waren sich die Diktatoren schnell einig.

          Der in Manchester lehrende deutsche Historiker Christian Goeschel liefert mit seiner anschaulichen Kulturgeschichte der diplomatischen Beziehungen zwischen den beiden Staatschefs eine äußerst lesenswerte Analyse von deren „seltsamer Mischung“ aus „Ambivalenz und Bewunderung“. Das Diktatorenduo begegnete sich zwischen 1934 und 1944 insgesamt siebzehnmal. In der „vagen Freundschaft“ verkehrte sich die Machtbalance im Laufe der Beziehung komplett. Es begann in den zwanziger Jahren mit einem nahezu unterwürfigen Hitler, der Mussolini bis in die dreißiger Jahre hinein als Führungsfigur anhimmelte und nachahmte. Die zentrale Vorbildfunktion, die Mussolini für Hitlers Politik hatte, ist durch die 2017 erschienene Studie von Wolfgang Schieder („Adolf Hitler – politischer Zauberlehrling Mussolinis“) bereits konzise erfasst worden. Schieder zeigt darin, wie die beiden Gewaltmenschen ihre Männerfreundschaft in ritualisierter Form politisch inszenierten. Dabei handelte es sich, so Schieder, um ein „herrschaftspolitisch instrumentelles Handeln“, welches den Aufbau der deutschen Führerdiktatur beförderte.

          Ein neuer Stil der Diplomatie

          Mit den zunehmenden außenpolitischen Erfolgen Hitlers seit der Annexion Österreichs im März 1938 und dann vor allem dank der militärischen Übermacht Deutschlands im Zweiten Weltkrieg verkehrte sich das Machtverhältnis ins Gegenteil. Der enttäuschte Hitler hatte seinen Respekt im Laufe der italienischen Niederlagen 1940/41 verloren und musste Mussolini, der auf Befehl des italienischen Königs in Gefangenschaft gesetzt worden war, schließlich im September 1943 sogar aus den Abruzzen ausfliegen lassen. Als er die faschistische Republik von Salò am Gardasee übernahm, herrschte der erschöpfte und erkrankte Mussolini nur noch über einen vollkommen von Deutschland abhängigen Vasallenstaat.

          Im Propagandagerassel der deutsch-italienischen Bündnispolitik entwickelte sich, so Goeschel, ein neuer, „unbürokratischer und unfachmännischer“ Diplomatiestil mitsamt einer faschistischen Symbolsprache, die sich von herkömmlichen Galadiners, Kommuniqués, Geheimverhandlungen und höflicher Diplomatensprache zu distanzieren suchte. Dass Militarismus und Volksverbundenheit bei den Aufmärschen und Führerreden miteinander verkoppelt wurden, erinnerte an die monarchistische Formensprache, aber die Modernität der Inszenierungen mitsamt ihrer technischen Aufrüstung sowie die ritualisierte Zurschaustellung einer geschlossenen Männerfreundschaft waren neu. Jenseits der beiden Diktatoren verwoben sich zudem auch die Führungseliten beider Länder in einer Art Nebendiplomatie.

          Ein gemeinsamer ideologischer Nenner

          Wie die fast zeitgleich erschienene Studie von Nils Fehlhaber über die „Netzwerke der ,Achse Berlin–Rom‘“ (Böhlau Verlag) verdeutlicht, war ein polykratischer Unterbau durch mehr als einhundert Besuchsreisen von faschistischen Kadern entstanden, in denen sich die Propagandaministerien, die Jugendorganisationen, die Erziehungsministerien und die Justiz – jenseits der offiziellen Außenpolitik – miteinander verzahnten. In undiplomatischer Art und Weise stellten diese ihre entschlossene Unbedingtheit zur Schau und „arbeiteten der Achse entgegen“.

          Bei der Frage, welche Bedeutung die Ideologie für das Bündnis von Italien und Deutschland spielte, will sich Goeschel nicht so recht zu einer Antwort durchringen. Ein strategisches „Zweckbündnis“ sei es gewesen, so heißt es am Ende des Buches, mit einem „gemeinsamen ideologischen Nenner“. Immerhin war es Mussolini und Hitler beim Münchner Abkommen Ende September 1938 gelungen, die westeuropäische Spitzendiplomatie um den britischen Premierminister Neville Chamberlain und den französischen Premierminister Édouard Daladier über den Tisch zu ziehen. Gemeinsame Machtpolitik, Expansionsdrang und der Wille zur Revision der Versailler Nachkriegsordnung spielten zweifellos die entscheidende Rolle für den Aufbau einer „Neuen Ordnung“ in Europa.

          „Hochtrabende Achsenrhetorik“ nennt Goeschel den Ton der antikommunistischen und antidemokratischen Propaganda der beiden Faschisten. Mit solchen und ähnlichen Formulierungen zur „vordergründigen Harmonie“ konterkariert er seinen eigenen Ansatz. Denn im Grunde geht der Autor ganz überzeugend von der eminenten und einer eigenen Dynamik gehorchenden Bedeutung der politischen Symbolik aus, die die zahlreichen strategischen Divergenzen und nationalen Egoismen im Achsenbündnis überbrückte. So manövrierten sich die faschistischen Bruderländer durch ihre Rhetorik und das Image von miteinander unverbrüchlich befreundeten Führernaturen in ein immer engeres Bündnis. Die politische inszenierte Freundschaft der Diktatoren war so etwas wie eine sich selbst erfüllende Prophezeiung, da der prahlerischen Rhetorik und den großspurigen Ankündigungen schlichtweg Taten folgen mussten. Im Achsenbündnis, welches in der italienischen Bevölkerung nahezu durchgängig unpopulär gewesen war, radikalisierten sich beide Regime immer weiter.

          Am Ende aber war der Faschismus mehr als nur die bloße Ästhetisierung von Politik, mehr als instrumentalisierte Verbrüderungsszenen oder undiplomatisch vorgeführte Machtgesten. Die transnational verwobene Selbstdarstellung der Faschistenführer erfasst zwar eine zentrale Dimension der Diktaturen, aber nicht die ganze Praxis ihres mörderischen Handwerks. Vielleicht sollte ein Buch über die Kulturgeschichte der Diplomatie Mussolinis und Hitlers auch das berücksichtigen, was die Faschisten am besten konnten: töten.

          Christian Goeschel: „Mussolini und Hitler“. Die Inszenierung einer faschistischen Allianz. Aus dem Englischen von Ulrike Bischoff. Suhrkamp Verlag, Berlin 2019. 476 S., Abb., geb., 28,– €.

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