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Gerhaher über Liedgesang : Singen heißt: Denken, damit der Hörer fühlt

Christian Gerhaher am 13. September 2020 in der Wigmore Hall in London. Bild: picture alliance / empics

Erst durch Distanz kommt die Kunst zur Geltung, die Anteilnahme erzwingt: Der Bariton Christian Gerhaher hat ein „Lyrisches Tagebuch“ über Lieder von Franz Schubert bis Wolfgang Rihm geschrieben, das von immenser Reflexionsgabe zeugt.

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          Nicht nur Christian Gerhahers Gesang ist geballte Intelligenz. Der Bariton, studierter Philosoph und Mediziner, hat vor Jahren schon einen Vortrag über „Die schöne Müllerin“ und „Die Winterreise“ von Franz Schubert gehalten, der vor Brillanz funkelte. Da erlebte man einen Interpreten, der es sich nicht gemütlich machte im Abnicken von Bewunderung für große Werke und sich nicht erbötig zeigte bei der Befriedigung von Bedürfnissen der Tränenbader.

          Jan Brachmann
          Redakteur im Feuilleton.

          Für Gerhaher ist „Die schöne Müllerin“ der wirklich tragische Zyklus, der tödlich endet, weil der Müllerbursche gar nicht lebenstauglich sei: Er könne nicht handeln, ohne immerfort durch das Nachdenken über Gründe und Wirkungen seines Handelns verunsichert zu sein. Der Wanderer in der „Winterreise“ hingegen sei – zumindest in den Texten von Wilhelm Müller – viel wehrhafter, oft sarkastisch. Den Zyklus als „Reise zum Tod“ zu deuten, sei „ein Lieblingsthema von Feuilletonisten“ geworden, behauptete Gerhaher vor neun Jahren. Diese „larmoyante Interpretationsweise“ hielt er schon damals für „revisionsbedürftig“. Für ihn ist der Wanderer kein Aussteiger, sondern ein Ausgestoßener, der aufbegehrt. Der Tod sei kein Ziel, sondern zeitweilige Versuchung, schlimmstenfalls Pose, Koketterie oder eiskalte Erpressung von Aufmerksamkeit.

          Ein guter Teil dieser Überlegungen floss nun ein in Gerhahers „Lyrisches Tagebuch. Lieder von Franz Schubert bis Wolfgang Rihm“, wobei man das Tagebuch im Titel nicht ernst nehmen darf. Die Verbindung künstlerischer Überlegungen zum Liedrepertoire mit dem Leben des Sängers, so reizvoll die Idee an sich ist, findet nur gelegentlich statt. Oft wird sie erst gar nicht gesucht. Über das außermusikalische Leben von Christian Gerhaher verrät das Buch wenig. Seine Herkunft aus dem ländlich geprägten Niederbayern wird kurz gestreift; das durch den Titel geweckte voyeuristische Bedürfnis nach Einblick ins Privatleben dürfte mit dem Geständnis einer Faszination für den Film „Avatar“ und seinem Heißhunger auf Gummibärchen mehr enttäuscht als gestillt werden. Stattdessen geht es um die sängerische Auseinandersetzung mit Kunst, die nach Gerhahers Überzeugung ins Abstrakte dränge, weil sie nur dank der Entfernung vom Biographisch-Konkreten jene Allgemeingültigkeit erlange, die jeden Menschen anzusprechen vermag.

          Analytisch nähert sich Gerhaher den Werken – im Wesentlichen den Liedern Franz Schuberts, Robert Schumanns, Gustav Mahlers, Heinz Holligers und Wolfgang Rihms – ebenso wie deren Darbietung. Bei jedem Liederabend, so Gerhaher, sei „eine persönlich anmutende Ansprache jedes Hörers“ Teil der „Abmachung“. Das Authentische und Intime ist eine kommunikative Konvention und damit letztlich Illusion: „Sogar wenn ein Zuhörer meint, der Darsteller habe die vorgetragenen Lieder ‚gelebt‘, ist doch völlig klar, dass auch dies nur Teil der Darstellung ist. Je konkreter allerdings diese Darstellung wird, je naturalistischer das imaginierende Ansinnen des Liedsängers ist, desto mehr entfernt sich die Aufführungshaltung von der eher dem Abstrakten sich verschreibenden lyrischen Konzeption des Liedes hin zum konkreteren Spiel des Musikdramas. Die inhaltliche Neigung zum Abstrakten, die ich allgemein für das Lied einfordern würde, hat jedoch nichts damit zu tun, dass für dessen Darstellung die Illusion der Individualität im Medium des Sängers erforderlich ist.“ Diese Dialektik zwischen einer notwendigen individuellen Beteiligung und einer ebenso notwendigen Abstraktion von ihr ist von geradezu Proustscher Finesse.

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