https://www.faz.net/-gr3-150fs

Christian Esser und Astrid Randerath: Schwarzbuch Deutsche Bahn : Wo bleibt der Lichtblick am Ende des Tunnels?

  • -Aktualisiert am

Bild: Verlag

Geschönte Mängel-Statistiken, grauenvolles Zugführer-Englisch, kalte Semmeln, Datenmissbrauch: das „Schwarzbuch Deutsche Bahn“ hat gesammelt, was sich gegen den Schienenverkehr sagen lässt.

          Die beiden Autoren, Christian Esser und Astrid Randerath, kommen vom Fernsehen, vom ZDF. Das merkt man ihrem "Schwarzbuch Deutsche Bahn" auch an. Da jagt eine Aufregung die andere, damit man nicht zum nächsten Sender zappt. Ich hätte mir lieber gute altmodische Print-Journalisten nach der Art eines Hans Leyendecker gewünscht, aber man muss lesen, was auf den Tisch kommt. Es ist immer zu empfehlen, Präzedenzfälle zu studieren, ehe man sich in ein wagemutiges Unterfangen stürzt. In Großbritannien wurde die Eisenbahn 1994 privatisiert und anschließend kaputtgespart - eine Narrenposse. In der Schweiz ist die Bahn seit 1999 eine öffentlich-rechtliche Aktiengesellschaft, deren hervorragende Arbeit allseits geachtet wird.

          In Deutschland haben sich die herrschenden Politiker eher die Briten als die Eidgenossen zum Vorbild genommen. Natürlich wollten sie so optimistisch, wie es ihre Art ist, alles besser machen. Heiligste Aufgabe von "Bahn-Chef" Hartmut Mehdorn, der 2009 anlässlich des Datenskandals zurücktrat, war es nicht, dafür zu sorgen, dass die Achsen, Radreifen und die Toiletten ordentlich funktionieren. Er sollte die Bahn erfolgreich an die Börse bringen. Nebenbei bemerkt, hätte laut Schwarzbuch der Börsengang beim ersten Schritt (24,9 Prozent) gerade einmal vier bis acht Gigaeuro eingebracht. Das ist nicht viel mehr als der Betrag, mit dem wir in der Krise die notleidende Autoindustrie gestützt haben. Peanuts.

          Mehdorn als Buhmann

          Im Buch ist Mehdorn der große Buhmann. Mir kommt das etwas zu kurz gegriffen vor. Die Verantwortung für die Richtlinien der Politik trägt immer noch der Bundeskanzler. Mehdorn hatte seine Vorgaben. Man muss deutlicher unterscheiden, wo der Bahn-Chef nur brav sein Pflichtenheft abgearbeitet hat und wo er über das Ziel hinausgeschossen ist. Ansonsten gefällt mir seine ehrlich-arrogante Art durchaus. Er erinnert mich an den seligen Franz Josef Strauß, dem ich zwar niemals einen gebrauchten Sudkessel abgekauft hätte, der aber immer für ein Bonmot gut war. Der Mehdorn-Nachfolger Rüdiger Grube kommt in dem Schwarzbuch hingegen mehr als eine Art Barack Obama herüber, der sein Amt gutwillig angetreten hat, aber auslöffeln muss, was ihm der Vorgänger eingebrockt hat. Man wird sehen.

          Das Buch betrachtet die Deutsche Bahn der Gegenwart und jüngeren Vergangenheit sehr kritisch, cum ira et studio. Was es an Fakten vorführt, dürfte im Großen und Ganzen stimmen. Ein angesehener Verlag gibt so etwas nicht heraus, ohne es von seinen Juristen gründlich überprüfen zu lassen. Das Dilemma der Bahn besteht darin, dass sie zwei widersprüchliche Aufgaben hat. Einerseits soll sie wie, sagen wir mal, die Abwasserentsorgung Gelsenkirchen eine gewisse sozialverträgliche Grundleistung bereitstellen. Sie soll uns zuverlässig von Trier nach Mücke (Hess) bringen, und das nach Möglichkeit auch noch im Rollstuhl und zu einem Preis, den sich ein Behinderter auch leisten kann. Andererseits ist sie ein Wirtschaftsunternehmen wie Schlecker und soll Profit abwerfen, je mehr desto besser.

          Die Kosten, die Kosten!

          Die im Schwarzbuch dokumentierten Missstände beruhen zu einem großen Teil auf diesem Dilemma. Vor kurzem hatte ich Anlass, die kostenlose Hotline meiner Stadtsparkasse anzurufen. Ich muss sagen, das ist die Mutter Teresa unter den Hotlines. Ich kam sofort durch. Mein Problem wurde von einem kompetenten Gesprächspartner gleich erkannt und gelöst. Die Deutsche Bahn könnte auch so eine Hotline haben. Hat sie aber nicht. Ihre Betriebswirtschaftler haben es durchgerechnet, viel zu teuer. Natürlich kann man das nicht zugeben, man will ja das Image nicht beschädigen. So etwas führt dann in Einzelfällen zu unendlichen Streitereien, wie sie im Schwarzbuch ausführlich dokumentiert sind. Voilà.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Boris Johnson : Alles andere als irrwitzig

          Der neu gewählte Tory-Vorsitzende und künftige Premierminister Boris Johnson ist nicht „mad“. Verrückt ist nur die Lage des Landes – drei Jahre nach dem Brexit-Referendum. Ein Kommentar
          Der radikale Konzernumbau der Deutschen Bank führt zu Milliardenverlusten im zweiten Quartal 2019.

          In drei Monaten : Die Deutsche Bank macht 3,1 Milliarden Euro Verlust

          Das größte und wichtigste deutsche Kreditinstitut will und muss sich radikal verändern. Die Belastungen durch den Umbau des Konzerns führen zu tiefroten Zahlen. Besonders betroffen ist die einst bedeutendste und berüchtigtste Sparte des Unternehmens.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.