https://www.faz.net/-gr3-150fs

Christian Esser und Astrid Randerath: Schwarzbuch Deutsche Bahn : Wo bleibt der Lichtblick am Ende des Tunnels?

  • -Aktualisiert am

Im Schwarzbuch geht es im Grunde immer wieder um den Reibach. Die Kosten werden bis zum Prellbock zurückgefahren. Wenn man am Markt höhere Preise für etwas durchdrücken zu können meint, dann versucht man es. Und wenn im Morgenland in einem reichen Emirat der Bau eines U-Bahn-Netzes ausgeschrieben wird, dann bekommt man ein kaltes Glitzern in den Augen. Warum wurden bei der Berliner S-Bahn die Bremsen nicht ordentlich gewartet? Zu teuer, warum denn sonst? Warum hat man die Mitglieder der Gewerkschaft Transnet großzügig mit Geschenken bedacht? Eine Hand wäscht die andere. Arbeitskämpfe kosten Geld. Warum haben wir es bei der Bahn so schwer, wenn wir mal mit einem Fahrrad verreisen wollen? Die Kosten, die Kosten!

Der Augiasstall der Bahn

Wo bleibt das Positive? Hier ist es. Manche Firmen, die spinnen einfach. Sie verbieten ihren Mitarbeitern das Tragen von Vollbärten oder jedes Techtelmechtel mit Kollegen. Oder gar die Verwendung von farbiger Unterwäsche. Solche Lachnummern findet man zumindest im Schwarzbuch nicht. Allenfalls müssen die Lokführer in die Thermosflasche urinieren, wenn es eilt, doch das ist eher ein Kollateralschaden, keine vorsätzliche Erniedrigung. Die Toilette in der Nähe des Führerstands kann man sich nicht leisten. Es gibt auch keine Beschwerden, dass man als Inhaber einer BahnCard ständig von netten Fräuleins aus dem Callcenter angerufen und mit schlecht deklamierter Werbung vollgelabert wird. Da ist die Bahn knallhart. Unfug, der sich nicht in Euro und Cent rechnet, lässt sie gleich sein. Lieber nimmt sie ein paar Schwarzfahrer in Kauf, als dass sie in wenig rentablen Zügen zu viel Personal einsetzt.

Höchstgeschwindigkeit nimmt das Buch erst weiter hinten auf, wo es nicht um legale Profitmaximierung, sondern um Illegales geht. Wenn ein Konzern, der zu hundert Prozent im Staatsbesitz ist, sich nicht um die von ebendiesem Staat erlassenen Gesetze schert, dann ist das etwas paradox. Im Zentrum steht hier der Anfang 2009 aufgedeckte Datenskandal. Dieser Augiasstall wurde einigermaßen gereinigt, als seine Existenz bekannt wurde. Die Verantwortlichen wurden zwar nicht weggesperrt, aber doch, wenn auch teilweise mit sehr vollen Taschen, entlassen.

Unspezifische Probleme

"Schwarzbuch Deutsche Bahn". Ein Schwarzbuch ist seiner Natur nach polemisch und voreingenommen. Da wird Wichtiges und Unwichtiges bunt gemischt. Das gehört sich so. Die Bahn hat das auch verdient. Was mich stört, ist, dass ich viele der Vorwürfe nicht als spezifisch für die Deutsche Bahn empfinde. Ähnliche Geschichten kennt man vielleicht auch von Volkswagen, Siemens, der Post, der Telekom und der Abwasserentsorgung in Gelsenkirchen. Was ist das Besondere an der Deutschen Bahn? Welche Probleme sind intern und welche extern verursacht? Wäre manches nicht besser in einem Schwarzbuch Gerd Schröder oder gar in einem Schwarzbuch Homo sapiens aufgehoben gewesen? Und wenn man restlos alles, was im Buch bemängelt wird, verbesserte, dann würden die Billetts doppelt so teuer und die Subventionen doppelt so hoch. Will man das?

Manches ist wohl auch einfach Ansichtssache. Es wird zum Beispiel kritisiert, dass die Bahn so viel Kapital in ihre Hochgeschwindigkeitsstrecken steckt. Für mich ist das eine sinnvolle Investition, die sich hoffentlich langfristig rechnen wird, sobald das schnelle Netz erst einmal steht. Wenn unsere Urenkel in siebzig Jahren mit dem Zug von Basel nach Nischni Nowgorod fahren müssen, weil das Erdöl teurer geworden ist als die Suppe im Speisewagen, dann freuen sie sich über die zehn Minuten, die sie in Stuttgart sparen, weil das kein Kopfbahnhof mehr ist. Hier zehn Minuten und da zehn Minuten, das macht zusammen drei Stunden. An ein paar eingestürzten Autobahnbrücken und Flughafenterminals werden sie auf ihrer Reise bestimmt vorbeikommen. Die Eisenbahn ist prinzipiell immer noch ein gutes, zuverlässiges umweltfreundliches Verkehrsmittel und soll das, bitte schön, auch noch lange bleiben.

Weitere Themen

San Diego im Comic-Con-Wahn Video-Seite öffnen

Superhelden und Superschurken : San Diego im Comic-Con-Wahn

Was als Gelegenheit für Comic-Fans begann, Ausgaben zu kaufen und zu verkaufen oder die Autoren der Comics kennenzulernen, gilt heute als die weltgrößte Messe ihrer Art. Immer populärer geworden ist auch Cosplay - der Darstellung einer Figur aus Comic, Videospiel, oder Manga.

Topmeldungen

Die aufgewendete Energie ist enorm, der Ertrag mager: Geförderte Humboldt-Universität in Berlin.

Exzellenz-Förderung : Noch so ein Sieg

Ein Wettbewerb, in dem es nur Sieger gibt, ist eigentlich keiner: Welche Universitäten über die Exzellenzinitiative gefördert werden und welche nicht, sagt so gut wie nichts aus.

Persischer Golf : Vermisst irgendjemand eine Drohne?

Ein weiterer Zwischenfall im Golf schafft Verwirrung. Iran dementiert amerikanische Angaben über einen Drohnenabschuss. Zugleich macht Teheran ein neues Gesprächsangebot.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.