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Literaturgeschichte der Wüste : Wird das Paradies zur Fata Morgana?

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Zonen des Übergangs: Die Alte Karawanserei der Wüstenstadt Ait Ben Haddou am Hohen Atlas in Marokko. Bild: Picture-Alliance

Von vorislamischen Nomadengesängen bis Thomas Mann: Chaim Noll schreibt eine eindrucksvolle Literaturgeschichte der Wüste.

          4 Min.

          „Ich lebe in der Wüste.“ So beginnt der Schriftsteller und Dichter Chaim Noll das Vorwort zu seinem großen Buch über eine Welt, die uns zunächst fremd erscheinen mag. 1954 in der DDR geboren, siedelte Noll 1984 in den Westen über und wanderte 1995 nach Israel aus, wo er zu seinen lange verschütteten jüdischen Wurzeln fand. An der Ben-Gurion-Universität im Negev, am Rand der israelischen Wüste, gehörte er zu den Gründern des dortigen Zentrums für Deutsche Studien, und in zwei Jahrzehnten trug er das reiche Material zusammen, das in das Buch eingegangen ist.

          Mit seiner Biographie hat es nur indirekt zu tun, denn es geht Noll nicht um eigenes Erleben, es geht ihm um die Wüste, die ihn seit mehr als zwanzig Jahren fasziniert: „Ihre Leere und Weite schien mir eine grandiose Herausforderung zum Überleben und Schreiben.“ Er wollte wissen, „was andere Schreiber, Dichter, Chronisten und Schriftsteller im Lauf der Zeiten in Wüsten erlebt, gefühlt und gedacht haben“. So entstand, wie es im Untertitel des Buches heißt, die „Literaturgeschichte einer Urlandschaft des Menschen“.

          Ihren Anfang nimmt sie bei den frühen Hochkulturen. Sie sind an den Rändern von Wüsten entstanden, in „Zonen des Übergangs zwischen dem fixierten Gebiet der Siedelnden und dem offenen Land der nomadisch Schweifenden“. Der Wandel „von einem zum anderen Zustand erweist sich als die eigentlich kreative Situation des Menschen“: Nicht zufällig wurden das Nil-Delta und die ägyptische Wüste zur Wiege globaler Zivilisationen.

          Das belegt ein Text, der auch heute noch als heilig gilt: Das Kernstück ihrer Bibel erhielten die Juden, als sie von Ägypten in die Wüste zogen. Am Berg Sinai, so besagt die Tradition, gab Gott ihnen seine Lehre, die Wüste wurde zum sakralen Raum – und es formte sich ein Muster, dessen weitverzweigte Spuren Noll bis in die Gegenwart verfolgt.

          Klagelieder einer ständigen Unbehaustheit

          Zunächst finden sie sich in den beiden anderen Gottesbüchern, die im östlichen Mittelmeerraum entstanden: dem Neuen Testament und dem Koran. Die mediterranen Randgebiete, halb der Kultur und halb der Wildnis zugewandt, bleiben ambivalent; im Neuen Testament sind sie nicht die Sphäre Gottes, sondern die seines Widersachers: In der Wüste tritt Satan als Versucher an Jesus heran, denn das Christentum ist die hellenistische Version des jüdischen Monotheismus, und der Wüste brachten die Griechen immer eine tiefe Abneigung entgegen.

          Chaim Noll: „Die Wüste“. Literaturgeschichte einer Urlandschaft des Menschen“. Evangelische Verlagsanstalt, Leipzig 2020. 677 S., geb., 38,– Euro.
          Chaim Noll: „Die Wüste“. Literaturgeschichte einer Urlandschaft des Menschen“. Evangelische Verlagsanstalt, Leipzig 2020. 677 S., geb., 38,– Euro. : Bild: Evangelische Verlagsanstalt

          Zur eigentlichen Wüstenreligion aber wird sechshundert Jahre später der Islam, und Noll richtet seinen Blick auf die vorislamische Dichtung der arabischen Nomadenstämme, auf ihre Klagelieder einer ständigen Unbehaustheit. Immer müssen die Männer ihre Zelte verlassen, durch die Wüste ziehen, endlose Kriege führen. Bevor Mohammed seine Lehre verkündete, hatten die rivalisierenden Stämme sich gegenseitig an den Rand der Vernichtung gebracht.

          Die Religion des Korans sieht Noll als eine Rettung aus der Not: Der Wüstenprophet vereinigt die Stämme, wendet ihre geballte Aggression nach außen und legt damit den Grund für einen Eroberungskrieg, der später große Teile des Erdballs islamisieren wird. Wie tief diese Religion in der Wüste verwurzelt ist, zeigt das Wort „Scharia“. So heißt das islamische Religionsgesetz, ursprünglich aber bezeichnete der Begriff den „Weg zur Tränke“ – zu den raren, heiß umkämpften Wasserstellen in der Wüste.

          Eine letzte Illusion der Freiheit

          Eine Rettung aus der Not war freilich nicht nur der Islam, sondern das waren alle Religionen dieser Wüstenrandgebiete: die der Juden, die auf der Flucht aus der ägyptischen Sklaverei entstand, sowie das Christentum, in das sich ein Teil der Juden flüchtete, als ihr Tempel in Jerusalem zerstört wurde. Nicht wenige der frühen, in ihren Heimatländern verfolgten Christen flohen dann später wie ihre Vorfahren in die Wüste. Aus „eremus“, dem lateinischen Wort für Wüste, wurde der „Eremit“, der für seine göttliche Wahrheit die menschliche Gesellschaft verließ, und Noll zeigt, wie solche Begriffe ihr Eigenleben annahmen.

          Er erzählt eine dialektische Geschichte. Als die Kirche an Macht gewann, duldete sie ihre Einsiedler nicht mehr, in den Wüsten baute sie Klöster und zwang die Außenseiter in ihre Gemeinschaft. Nach der christlichen Eroberung Europas wiederholte sich der Vorgang: Auch dort gab es die Einsiedler Gottes, und auch sie hießen Eremiten, obwohl sich die Wüsten ihrer Einsamkeit längst in Wälder verwandelt hatten. Wie die islamische Scharia, einst ein realer Ort in der Wüste, wurde auch der christliche Eremit zur Metapher, und von hier war es nicht weit zur Literarisierung einer ursprünglichen Landschaft.

          An vielen Beispielen führt Noll sie uns vor und faltet seine Literaturgeschichte enzyklopädisch auf. Er vergleicht nicht nur die heiligen Schriften der monotheistischen Religionen miteinander, sondern auch die Texte der Griechen und Römer, der Kirchenväter und Rabbiner. Er liest die mittelalterlichen Pilgerberichte als eine literarische Kompensation für die gescheiterten Kreuzzüge, die Werke der Romantiker als nostalgische Aneignung des Wüstenraums, Karl Mays Abenteuergeschichten als eine letzte Illusion der Freiheit.

          Zu vielen Autoren sind Noll eindrucksvolle Kapitel gelungen, und zwei seien hier exemplarisch herausgegriffen. Flauberts wenig respektvolles Porträt des Antonius, eines frühen Eremiten, der in der Wüste zum Heiligen wurde, liest Noll als ein Dokument der Glaubenskrise, die der ehemalige Jesuitenschüler im späten neunzehnten Jahrhundert durchläuft. Angesichts der nationalsozialistischen Barbarei bekennt sich dagegen Thomas Mann – ein Autor, zu dem Noll eine tiefe Beziehung hat – in seinen Josephsromanen zu den Ursprüngen unserer Zivilisation.

          Chaim Nolls Literaturgeschichte der Wüste liest man mit großem Gewinn. Sie stellt Zusammenhänge dar, die in ihren Perspektiven nicht selten überraschen und nachdenklich stimmen. Plötzlich glaubt man zu verstehen, warum das ewige Leben, das die Religionen uns versprechen, in einem Garten auf uns warten soll, der in der Bibel Eden heißt und Paradies genannt wird: Auch die Oasen in der Wüste waren Gärten, nur haben sie sich allzu oft als Fata Morgana erwiesen.

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