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Zerstörerische Frühchristen? : So lest doch nur, wie bös sie waren!

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Man sollte sich hüten, bei jeder abgebrochenen Nase einer antiken Statue vorschnell an christliche Taliban mit Hammer und Kreuz zu denken: Mithräum in der Krypta der römischen Kirche Santa Scripta. Bild: Picture-Alliance

An den Quellen vorbei: In „Heiliger Zorn“ zimmert sich Catherine Nixey ein Bild von den Christen als Zerstörern der Antike. Mit historischer Genauigkeit kann ihr Werk nicht dienen. Im Gegenteil.

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          Die britische Journalistin und studierte Historikerin Catherine Nixey will mit ihrem Buch „die Zerstörung der klassischen Welt durch die Christen“ aufzeigen. Gleichgültigkeit, abergläubische Dummheit und Zerstörungswut der Christen von ihrer staatlichen Förderung seit Kaiser Konstantin ab etwa 312 bis zur angeblichen Schließung der Platonischen Akademie von Athen durch Kaiser Justinian 529 seien schuld „an der nahezu vollständigen Vernichtung der lateinischen und griechischen Literatur“. Die Christen hätten unzählige herrliche Tempel zerstört, wunderschöne Götterstatuen in Stücke geschlagen und friedliche Nichtchristen unterdrückt und getötet.

          Das Buch setzt ein am Tatort „Palmyra, um 385 n. Chr.“ In der syrischen Metropole habe man die Angreifer aus der Wüste erwartet, schwarzgekleidete Fanatiker, die lachten und brüllten, während sie altehrwürdige Tempel schändeten. Die glorreichen Momente seien in Liedern verewigt worden: „Die Dämonen und Götzen, unser Heiland hat sie alle zertrampelt.“ Die Männer seien in den Tempel der Athene vorgedrungen und hätten Kopf und Arme der Göttin zertrümmert. „Der ‚Triumph‘ des Christentums hatte begonnen.“ Nixey ruft ihren Lesern die Kämpfer des Islamischen Kalifats in Erinnerung, die 2015 die wenige Jahrzehnte zuvor ausgegrabene und restaurierte Athene von Palmyra mit dem Hammer attackierten. Die Absicht von Nixeys Buch ist damit klar.

          Christliche Taliban mit Hammer und Kreuz

          Doch schon dieser Anfang ist großteils erfunden. Kein antiker Text erwähnt den Bildersturm von Palmyra, wir kennen weder die Täter noch ihre Gründe noch gar ihr Kostüm. Der zitierte Hymnus hat überhaupt nichts mit Palmyra zu tun. Er stammt aus der Liturgie, die koptische Christen tausend Kilometer entfernt am Festtag der Flucht der heiligen Familie nach Ägypten feiern. Die Athene von Palmyra wurde den Ausgräbern zufolge wohl tatsächlich in den Jahren nach 380 vandalisiert. Forscher erwägen die antiheidnische Gesetzgebung unter Theodosius I. als Hintergrund und diskutieren die Hypothese (mehr ist es nicht), dass Christen aus Palmyra sich für die in antiken Quellen bezeugten paganen Kirchenzerstörungen und Mordtaten gegenüber ihren Glaubensgeschwistern in Syrien um 362 unter Kaiser Julian, dem „Apostaten“, gerächt haben könnten. Zu Gewalt könnte es also auf beiden Seiten gekommen sein, auch der paganen, davon schweigt Nixey.

          Catherine Nixey: „Heiliger Zorn“. Wie die frühen Christen die Antike zerstörten. Aus dem Englischen von Cornelius Hartz. Deutsche Verlags-Anstalt, München 2019. 396 S., Abb., geb., 25,– €.

          Sie erzählt auch von der Zerstörung des Serapis-Tempels in Alexandria durch Christen im Jahre 392, dem bekanntesten Fall dieser Art. Dabei minimiert sie die Nachrichten aus den Quellen, die von vorausgegangene blutigen Attacken gegen Christen durch die studentische Schlägertruppe um einen paganen Professor berichten. Diese Heiden wiederum waren wohl vom Ortsbischof provoziert worden, der sich am Ende am Tempelschatz bereicherte. In Karthago forderte laut Nixey Augustinus im Jahre 401 die Christen auf, heidnische Objekte zu zerschlagen. „Angeblich ließen bei den Ausschreitungen, zu denen es nach den Brandreden gekommen war, sechzig Menschen ihr Leben.“ In Wahrheit waren die sechzig Personen zwei Jahre vorher in der Ortschaft Sufes ermordet worden, allesamt Christen, die zuvor eine Herkulesstatue ruiniert hatten – ohne Brandrede Augustins. Was die römischen Christenverfolgungen vor 312 betrifft, so spielt Nixey sie herunter.

          Dass es Beschädigungen antiker Statuen und Reliefs durch Christen gab, ist literarisch und archäologisch unzweifelhaft belegt. Dass dies massenhaft geschehen sei, wie Nixey behauptet, ist fraglich. „Ein ausgewiesener Spezialist für das Thema ‚Religiöser Hass’“ habe, so Nixey, in dem Mithrasfresko unter Santa Prisca in Rom die Spuren einer mit Wucht geschwungenen Axt erkannt, die das Gesicht des Gottes verstümmelte. Entgangen ist Nixey der Nachweis durch Bryan Ward-Perkins im Jahr 2004, dass die Zerstörung erst 1953 durch einen missglückten Restaurierungsversuch erfolgte. Man sollte sich hüten, bei jeder abgebrochenen Nase einer antiken Statue vorschnell an christliche Taliban mit Hammer und Kreuz zu denken.

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